ZP aktuell – der Newsletter
Alle 14 Tage die aktuellsten Meldungen, Tipps und Trends aus der Zahnheilkunde in Ihre Mailbox. >> Jetzt kostenlos abonnieren
Meldungen, Ereignisse oder Überlegungen, die unseren Chefredakteur inspirierten.
>> Blankensteins Kolumne
Notfälle auf dem Zahnarztstuhl – Teil 2
Drucken
Beiträge zum Thema
3. Akute zerebrale Ereignisse
Die häufigsten dieser Ereignisse sind:
- der thrombotisch oder embolisch verursachte Hirninfarkt und seine reversiblen Varianten TIA (transitorische ischämische Attacke) und PRIND (prolongiertes reversibles ischämisches neurologisches Defizit)
- die Hirnblutung, je nach Lokalisation als intrazerebrale Blutung, subarachnoidale Blutung oder subdurales Hämatom bezeichnet
- der epileptische Anfall (als Grand Mal den gesamten Körper betreffend oder als Petit Mal in verschiedenen Varianten)
Der Hirninfarkt imponiert mit einem plötzlich auftretenden neurologischen Defizit. Die Patienten können plötzlich nicht mehr reden, verstehen, schlucken oder gehen, sie konfabulieren unverständlich, handeln unlogisch. Zum Zeitpunkt des Auftretens sind Ursache und Dauer nicht zu überblicken, deshalb ist stets vom Worst Case auszugehen: Notarztalarm! Der Blutdruck wird beim Infarkt wie bei der TIA hoch sein und stellt einen Bedarfshypertonus dar, den man nicht (!) senken darf. Bei der Hirnblutung ist der Blutdruck genauso hoch, hier ist jedoch die Senkung wichtig. Klinisch sind die Krankheitsbilder in der Akutphase kaum zu unterscheiden. Allerdings stellt man bei der Hirnblutung oft eine Bradykardie fest als Zeichen erhöhten Hirndrucks. Die Therapieweiche wird in der Klinik zumeist durch eine kranielle Computertomographie gestellt, in der zwischen Blutung und Infarkt unterschieden werden kann.
Der epileptische Grand Mal ist imposant, tritt aus dem Nichts auf oder kann getriggert werden. Der Patient ist durch das Umherwerfen seiner Extremitäten und des Kopfes, das Verbeißen und Verschlucken gefährdet. Es droht zudem ein lang anhaltendes Sauerstoffdefizit. Dementsprechend sollten alle verletzenden Gegenstände aus dem Weg geräumt werden. Man kann vorsichtig versuchen, einen Beißkeil zwischen die Zähne zu schieben. Der Anfall ist selbstlimitierend und der Patient ist nach einer solchen Attacke oft verwirrt, sehr müde, auch gereizt. Jeder Betroffene sollte postiktisch 24 Stunden klinisch überwacht werden. Medikamentös ist in diesen Fällen nicht viel zu tun. Alle Patienten profitieren von einer moderaten Sauerstoffgabe (Sauerstoff-Nase), die Vitalzeichen sollten kontrolliert und ggf. eine rasche Notarztversorgung organisiert werden und der Patient beruhigend angesprochen werden.
4. Akute psychiatrische Notfälle
Patienten mit psychiatrischen Grundkrankheiten sind in der Regel frühzeitig erkennbar. Akute Exazerbationen primär kompensierter Schizophrenien oder Zwangsstörungen können jedoch auch in der Zahnarztpraxis vorkommen. Hier ist die wichtigste Regel: Ruhe bewahren, sich auf den Patienten in seiner Welt einlassen, nicht versuchen, ihn von seinem Unsinn zu überzeugen. Fachpersonal anfordern. Ein häufiges Krankheitsbild ist sicher die Hyperventilation des Angstpatienten, im extremsten Fall mit Pfötchenstellung und Bewusstseinverlust. Tütenrückatmung, deeskalierende Maßnahmen (Raumwechsel, Personenwechsel, ruhige Umgebung) und die Gabe angstlösender, sedierender Medikamente (Diazepam) sind Optionen, die auch dem Zahnarzt zur Verfügung stehen. Befindet sich der Patient zwar in geistiger Gesundheit, aber in einem Ausnahmezustand, z.B. weil er ein traumatisierendes Ereignis erlitten hat (Tod eines Familienmitgliedes, Verkehrsunfall, Umweltkatastrophe), sind kompetente Helfer gefragt. Die S-T-O-P Anleitung beinhaltet die vier Grundelemente der psychischen Ersten Hilfe, die jedoch kaum vom Zahnarzt zu leisten ist:
- S steht für Stabilize: Schützen Sie den Patienten, schirmen Sie ihn vor der Umgebung ab und zeigen Sie Empathie.
- T steht für Talk & Teach: Reden Sie und hören Sie gut zu. Versuchen Sie, den Patienten zu verstehen.
- O steht für Operate: Versuchen Sie, dem Betroffenen Handlungsofferten zu machen.
- P steht für Peer und meint soziale Unterstützung: Kontaktherstellung mit der Familie, Freunden, Therapeuten.
5. Anaphylaxie/allergischer Schock
Heute sind fünf unterschiedliche immunologische Reaktionsmuster als Typen der allergischen Reaktion etabliert. Die Typ-1-Reaktion stellt die sofort nach Allergenkontakt eintretende, getriggert und dosisunabhängig ablaufende schwerste Form dar. Patienten klagen über massive Haut- und Schleimhautschwellungen, Juckreiz, Atemnot und erleiden potenziell tödlich verlaufende Kreislaufzusammenbrüche. Der Schock tritt ein, definiert als „systolischer Blutdruck [mmHg] kleiner als die Pulsfrequenz in Schlägen pro Minute“ (z.B. RR 90/50, Puls 120). Die Patienten sind in akuter Lebensgefahr. Soforthilfe ist die Gabe von Adrenalin i.v. oder i.m.! Viele Patienten kennen ihre Allergene und tragen ein Autoinjektionsset bei sich (z.B. Fastject).
Abschließende Bemerkungen
Während die kausale Komplexität der möglichen Notfälle auf dem Zahnarztstuhl fast unüberschaubar ist, so bleibt es doch in der jeweiligen Situation bei wenigen therapeutisch wichtigen Schritten, die planbar und trainierbar sind. Eine übersichtliche und klug zusammen gestellte Notfalltasche, regelmäßige Teamschulungen und die Kenntnis der Organisation des ortsansässigen Notfallsystems (Telefonnummern, Kliniken mit Spezialisten, benachbarte Ärzte) geben Ihnen und Ihren Patienten ein sicheres Gefühl und verleihen der Praxis Kompetenz.
Der Autor weist darauf hin, dass die Akademie für praxisnahe Zahnheilkunde, Ottostraße 22, 82319 Starnberg, Tel. 08151 78245, seit 2009 regelmäßige Medizin-Updates für Zahnmediziner abhält. Die in ganz Deutschland angebotene Veranstaltung ist über die Akademie buchbar. Ebenso erhalten Sie dort Adressen für Notfallseminare in Ihrer Praxis.
Zurück zu Teil 1:
Notfälle auf dem Zahnarztstuhl – Teil 1



Leser-Kommentare
Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu verfassen.