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Papierlose Praxis
DruckenErinnern Sie sich an den Einsturz des Kölner Historischen Archivs im März 2009? Dabei ging Unersetzliches verloren, obwohl man auch ein wenig Glück im Unglück hatte: Ein Großteil des Bestandes war früher kopiert worden und steht, wenn schon nicht im Original, so doch wenigstens dem Inhalt nach weiter zur Verfügung. Auch bei den in unserer Geschichte so vielen absichtlich verursachten Datenverlusten hatten die Historiker oft Glück.

Obwohl der Dreißigjährige Krieg in bestimmten Regionen die Zeugnisse ganzer Epochen vernichtete, müssen sie heute nicht komplett im Dunkeln tappen. Sie verdanken das den unermüdlichen Kanzlisten, Kopisten, Archivaren. Also einem Berufstand, dem man heutzutage gerne das langweilige Bürohengst-Image verpasst.
Der richtig moderne Angestellte lebt nämlich im papierlosen Büro, soweit es eben geht. Und lebt dabei mit durchaus gutem Gewissen, während seine konservativen Kollegen bundesweit etwa 700.000 Tonnen Papier jährlich verbrauchen, für dessen Herstellung wiederum massenweise Bäume und noch viel mehr Wasser nötig sind. Er hat stattdessen einen nahezu leeren Schreibtisch und alle Akten virtuell auf einer Festplatte. Oder neuerdings in einer „Wolke“ irgendwo. Kölsche U-Bahn-Bauer wären da chancenlos.
Zum Problem könnte nur der technische Fortschritt selbst werden. Und damit meine ich nicht Stromausfälle, Viren oder Hacker. Es geht viel einfacher: Im Gegensatz zu geduldig über Jahrhunderte hinweg ruhenden Akten (säurefreies Papier hält locker 500 Jahre!) müssen elektronische Datenträger regelmäßig gewechselt werden. Gleiches gilt für die Lesegeräte. Oder haben Sie noch ein 5¼-Zoll-Diskettenlaufwerk? Auch wenn Sie eines hätten, wäre es weitgehend nutzlos, denn auf den entsprechenden Disketten hat sich die Trägerschicht längst aufgelöst. Dafür genügten 15 Jahre. Selbstgebrannte CDs sind nicht viel sicherer. Ursprünglich glaubte man an 100, richtig garantieren will man aber heute kaum 10 Jahre!
Nun könnte man einwenden, auch die Sprache uralter Schriftstücke beherrschten nur noch wenige Experten. Aber während das vor 2.500 Jahren geschriebene Alt-Aramäisch heute noch entziffert werden kann, ist das vor gerade einmal 30 Jahren entwickelte „WordStar“ (Sie erinnern sich?) inzwischen unlesbar. Historiker warnen längst, dass wir im Begriff sind, mitten im Frieden ein vollkommeneres Loch unserer Geschichte zu produzieren, als es alle Kriege zwischen Prager Fenstersturz und Potsdamer Abkommen zusammen taten. Ein digitales Loch. Wer produziert heute noch Akten, anhand derer sich unsere Kindeskinder den heutigen Alltag vorstellen können? Was früher gut geordnet ins Archiv kam, wird heute gut gelöscht, denn bevor mit digitalisierter Information Missbrauch getrieben wird, überschreibt man sie lieber mehrfach. Zur Sicherheit. Und weil das weltweite Netz Daten überall verfügbar und manipulierbar macht, kann deren Aufbewahrung jederzeit eine wütende Bürgerinitiative erzeugen.
Zum Glück will man in Zahnarztpraxen nicht Geschichte schreiben, sondern muss im Gegenteil ausdrücklich Verschwiegenheit bewahren. Insofern ist das Löschen irrelevant gewordener Patientendaten eingeplant. Problematisch wird es erst, wenn sie – obwohl noch relevant – durch Abstürze verloren gehen, aus „Altersgründen“ unlesbar sind oder durch Hacker verbreitet werden. Ein juristisches Problem entsteht, wenn digitale Daten zum Streitgegenstand werden; dann muss man sich auf deren Unverfälschbarkeit verlassen können. Experten meinen, all dies sei technisch schon gelöst. Es gäbe längst „qualifizierte“ elektronische Signaturen und Zeitstempel, die eine rechtliche Gleichstellung mit handschriftlichen Urkunden gewährleisteten. Und – nicht zu vergessen – es gibt ja auch schon genügend Praxen, die mit digitalen Akten recht erfolgreich arbeiten.
Bei aller Euphorie über die moderne Technik erlaube ich mir hier den Hinweis auf Murphy’s Law: Was schiefgehen kann, wird eines Tages auch schiefgehen. Deshalb spiele ich hier einmal den Advocatus Diaboli und stelle dumme Fragen:
Je moderner Soft- und Hardware sind, desto schwieriger ist ihre Wartung. Wie schützt man digitale Akten vor dem Hacker im Pelz des IT-Fachmannes? Wer hilft bei der Pleite eines Software-Hauses? Welches Erpressungspotenzial hat der Software-Produzent (und die mit ihm evtl. kooperierende Versicherungswirtschaft)?
Gibt es eigentlich zertifizierte Systemanbieter? Und gibt es schon Ausbildungsstellen für die gesetzlich geforderten Datenschutzbeauftragten in den Praxen? Und schließlich: Wann wird man die elektronische Akte per Gesetz fordern und wem dabei die Kosten und die Risiken aufbürden? Übrigens: Als größtes Risiko gilt in den Augen der Fachleute der Benutzer selbst ...
Ich gebe zu, beim Thema Digitalakte wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Die eine ist schwer begeistert von den neuen Möglichkeiten, die andere fürchtet die vielen kleinen oder auch großen Blackouts. Dazu kommt: Als Redakteur im Hause des Marktführers der klassischen Zahnärztekarteikarte (www.spitta.de/karteikarte-a5) braucht man schon sehr gute Argumente für die Papierlosigkeit.
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