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Buchrezension: "Zahnarztlügen"
Putzen erst bei Pelzgefühl
DruckenAbzocker, Kurpfuscher, Scharlatane, Zahnklempner, Krankbehandler, Zahnbrecher, Lochbohrer, Körperverletzer, Betrüger, Flickschuster, Quacksalber, Verbrecher, Wurzelmörder, Zahnkiller – am häufigsten aber „bohrende Zunft“, so nennen Dorothea Brandt und Lars Hendrickson ihre Hauptfeinde, die Zahnärzte, im gerade erschienenen Buch „Zahnarztlügen“. Sich als derart Diffamierter nun an eine Besprechung dieses Opus zu setzen, erfordert eine Erklärung:

Eigentlich sollte Ignorieren die beste Reaktion auf so eine hasserfüllte und komplett undifferenzierte Polemik sein, jede öffentliche Erwähnung wäre zu viel der Anerkennung. Aber angesichts der sofort aufgeflammten Diskussion im Netz kann es nicht schaden, wenn die Kollegen Mitverbrecher in etwa wissen, was ihre Patienten („Opfer“) womöglich gelesen haben. Soweit sie angesichts des grottenschlechten Lektorates nicht vor der unglaublichen Redundanz und der sachlichen Konfusion kapitulierten: Ist die Amalgamfüllung eine Verschwörung der Zahnärzte oder ist es die Verwendung alternativer Materialien? Ist professionelle Zahnreinigung Schnickschnack und Putzen erst bei Pelzgefühl nötig oder ist unterlassene Prophylaxe die Todesursache von Millionen? Ist Endodontie das sinnlose Töten von Zähnen oder wird sie zu selten angewendet? Und so weiter und so fort.
Wer das alles durchhält, kann diese 230 Seiten am Ende auf vier Aussagen eindampfen:
- Zahnärzte haben sich verschworen, um die Menschheit durch Prophylaxe, Kariologie, Paro- und Endodontie, Prothetik und Oralchirurgie lebenslang krank zu halten.
- Was auch immer Zahnärzte tun, ist wissentlich falsch, und selbst dieses Falsche ist schlecht ausgeführt.
- Zahnärzte sollten gemieden werden, denn sie verursachen in Deutschland jährlich weit mehr als 1.000 Totesfälle. Helfen können nur richtige Ärzte.
- Zahnärzte verheimlichen konsequent den Nutzen von CHX und Xylit, weil deren Anwendung die gesamte Zahnheilkunde überflüssig machte.
Aber „Zahnarztlügen“ präsentiert auch die Rettung vor der Zahnärzteschaft: die durch den Patienten selbst vorzunehmende und ohne zahnärztliche Instrumente auskommende „noninvasive Therapie“. Sie besteht aus der „kugelsicheren Prophylaxe“ durch Säure- und Zuckerabstinenz bei kalziumreicher Nahrung, aus zweimal täglichem Putzen (auch ohne Pelzgefühl und obwohl Putzen gar nicht gegen Karies hilft), remineralisierenden Lösungen und zweimal täglicher CHX-Spülung. Eine trotzdem manifeste Karies heilt Hendrickson auf die gleiche Weise, jedoch mit mehr CHX und weniger Obst. Sollte es trotzdem zu Schmerzen kommen, möge man vom Arzt (!) verordnete Antibiotika, Kortikoide und Analgetika bis zur Beschwerdefreiheit einnehmen. Bei akutem Schmerz wird allerdings die große Keule geschwungen: eine Woche nur Rohkost und Nüsse, aber keine Kohlenhydrate. Und selbst wenn dies nicht anschlüge, wäre nichts verloren, denn der Körper schalte dann sozusagen den Zahnnerv ab und lasse dem Eiter sogar freien Lauf. Und für die wenigen, von der „bohrenden Zunft“ immer als Horrorvision genannten lebensbedrohlichen Abszesse gebe es ja die eben empfohlenen Medikamente. Und Rohkost.
Im Kleingedruckten wird vorsichtshalber gewarnt, das Buch könne keine medizinische Beratung ersetzen. Diese Warnung ist zweifellos angebracht! Der Autor, „Arzt und Zahnarzt i.R.“, nennt seine Thesen übrigens medizinisches Insiderwissen. Man darf da zweifeln. Oder würden Insider brown spots bei der PZR beseitigen, Schmelz- und Dentinkaries in einen Topf werfen, Wurzelkanalbehandler konstant „Endotologen“ (Innenohrärzte?) nennen, IGEL-Leistungen bei Zahnärzten anprangern usw. usf.?
Der traurige Aspekt dieses Machwerks ist, dass die zweifellos enthaltenen Wahrheitskörnchen im Wust der wütenden Tiraden untergehen. Natürlich muss man über falsch gesetzte Anreize im System diskutieren, über Ergebnisqualität, Kommunikation, kosmetische „Want-Dentistry“ und Dentalmarketing. Aber doch nur mit ernst zu nehmenden Partnern, wohl kaum mit diesem Autorenduo. Schaum vorm Mund behindert jede Diskussion.
Die beiden letzten Seiten könnten einen Hinweis auf deren Motivation geben. Dort geht es um Zahnarztphobiker, die in Wahrheit nicht krank, sondern kritisch seien. Sie hätten das Lügengebäude der Zahnmedizin erkannt und würden deshalb mit dieser von Zahnärzten erfundenen Krankheit als verrückt abgestempelt und damit mundtot gemacht.
Mundtot – was für ein passender Ausdruck für die abzusehenden Folgen bei Einhaltung all dieser Empfehlungen …



Leser-Kommentare
Also wenn sich jemand gegen eine ganze Berufsgruppe stellt – so wie die Autoren dieses Buchs – und behauptet, sie würde Lügen verbreiten, dann sollte er schon sehr gute Argumente haben. Ich habe das Gefühl, dass die weit verbreitete Angst vorm Zahnarzt hier ausgenutzt wird.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber langsam werde ich mir dieses Highlight doch einmal beschaffen müssen. In meiner Praxis hatte ich bislang erst einmal das Vergnügen mit einem Hendrickson-Anhänger, der – obwohl zuverlässiger IGEL- und PZR-Patient – nun alles verweigert. Ein Patient ist ja noch zu verkraften, aber ist den Kollegen eigentlich klar, dass der Schwedendoc immer mehr Anhänger bekommt? Das werden wir alle auf dem Konto spüren, denn sowas funktioniert ja bekanntlich wie ein Lauffeuer und selbiges wird uns härter treffen als Rössler & Co. Die LZK Hessen hat ja bereits vor dem Buch gewarnt und was ist jetzt im Netz zu lesen: Der Schwedendoc hat die Kammer verklagt und Recht bekommen! Die LZK hat auf ihrer Internetseite geschrieben, dass alles gelogen sein soll und ein Landgericht gab Hendrickon recht. Juristisch gesehen, sagt Hendrickson also die Wahrheit – ganz toll. Siehe: http://www.pressrelations.de/new...
Tja, wahrscheinlich hat Mr. Hendricksen rechtlich gesehen Recht , denn müssen tut man gar nichts, also ist der Zahnarzt überflüssig, genauso wie alle anderen Berufe. Wie man persönlich damit zurechtkommt steht auf einem anderem Blatt. Habe das Buch mit einem gewissen Schmunzeln gelesen. Konstruktive Kritik, auch wenn sie hart ist, akzeptiere ich immer, aber was die zwei Autoren hier runterleiern, hat einen realsatirischen Charakter. Besonders die Abszessbehandlung finde ich genial--einfach lassen, alles platzt irgendwann schon von selbst auf--muahahaha. Dies soll er mal seinem nächsten Blinddarmpatienten erzählen--der platzt bei einer akuten Entzündung auch irgendwann--die Folgen davon vernachlässigen wir hier einfach mal.
Soweit ich aber das Urteil bzw. die Berichte darüber verstanden habe, sagt das Gericht, dass das Buch nicht gelogen ist, also im Umkehrschluss heißt das ja, dass es wahr sein muss. Dr. Michael Frank (BZÄK-Vorstand) wird sogar Haft angedroht oder 250.000 Euro Strafe, wenn er dem Schwedendoc nocheinmal angreifen sollte. Wo leben wir hier eigentlich?!?
Wenn ich mir anschaue, was manche Kollegen produzieren, frage ich mich manchmal, was die im Studium gemacht haben oder was die überhaupt studiert haben. Das Klischee vom "Halbmediziner" wird oft und gerne bedient. Obwohl ich das Hendricksen-Machwerk nur aus zweiter Hand kenne, beschleicht mich nach Lektüre der obigen Kommentare das Gefühl, dass bei den Autoren Hendricksen und Brandt keinerlei akademische "Vorbelastung" existiert. Und das meine ich wirklich ernst! Mein Zynismus über einige zahnärztlichen Kollegen ist eine Sache, aber es sollte überprüft werden, ob es sich bei den Autoren wirklich um Mediziner handelt. Es ist sehr schwer vorstellbar, dass derlei inkompetentes Blabla medizinisch ausgebildete und erfahrenen Kollegen von sich geben.