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ZahnMedizin
DruckenWas meinen Sie? Sollten Zahnmediziner hierzulande künftig nach dem früheren österreichischen Modell ausgebildet werden – also erst Medizin, dann Spezialisierung zur Zahnmedizin? Und falls es bei dem derzeitigen fünfjährigen Regelstudium bliebe, was sollte wegfallen, was neu in das Curriculum hinein? Diskutieren Sie mit uns und anderen Lesern, indem Sie die Kommentarfunktion am Ende des Artikels nutzen.

Blankensteins Kolumne: Meldungen, Ereignisse oder Überlegungen, die unseren Chefredakteur, Dr. Felix Blankenstein, inspirierten.
Hier finden Sie den Kommentar von Prof. Klaus M. Lehmann zu diesem Thema
Hier lesen Sie den Artikel von Prof. Ingrid Grunert über das jetzige und das frühere österreichische System
Über die Intentionen der Großschreiber dieses Binnen-M in der Zahnmedizin lässt sich vortrefflich philosophieren. Selbstverständlich steckt darin ein bisschen Anspruchsdenken und, wer möchte das abstreiten, auch der Ruf nach Anerkennung als medizinische Disziplin, schließlich ist „Zahn“ nicht das Gegenteil von „Human“.
Aber lassen wir einmal die Wort- und Buchstaben-Spielerei beiseite und wenden den Blick ins Leben, also auf das derzeitige deutsche Zahnmedizinstudium. Was prasselt da nicht alles auf die Universitäten ein, deren momentaner Auftrag lautet, „berufsfertige“ Zahnärzte heranzubilden. Die Praktiker beschweren sich, die Absolventen wüssten zu wenig vom GKV-Alltag und seinen sich ständig ändernden Regeln. Bekannt sind auch die Klagen über das Fehlen der Psychologie und der Immunologie im Studienablauf.
Die Geisteswissenschaftler monieren die Verhandwerklichung und „Kosmetisierung“ der Zahnmedizin und fordern mehr Raum für die Geschichte des Faches und die Ethik seiner Ausübung, während die Dentalindustrie genau das Gegenteil will. Der „dentista club“ möchte die Genderzahnmedizin etablieren, die Gesundheitsforscher das Qualitätsmanagement. Und die Berufsverbände mokieren sich unisono darüber, dass dieses Studium eine BWL-freie Zone sei. Nicht zu vergessen der Wissenschaftsrat: Er fordert seit Jahren mehr Forschung an den Zahnkliniken und mehr Wissenschaftlichkeit im Studium.
Die Konsequenz ist klar: Die Ausbildung ist viel zu kurz! ZahnÄrzte müssen künftig erst Medizin studieren und danach die Facharztausbildung zum Stomatologen (wahlweise auch „Oralmediziner“) durchlaufen. Wie anders könnte man all diese berechtigten Forderungen erfüllen? Ein erster, kleiner Schritt dazu soll die (seit wie viel Jahren in den Schubladen schmorende?) „neue“ Approbationsordnung sein. Sie wird, wenn sie denn kommt, den jungen Zahnis ein original humanMedizinisches Physikum abverlangen. Großer Jubel. Auch der neue DGZMK-Präsident meint, damit komme man dem auf die Mundhöhle spezialisierten Mediziner deutlich näher [2]. Stimmt. Aber es scheint eine asymptotische Annäherung zu sein: Eine ewige Reise ohne Ankunft.
Denn da sind auch noch andere Stimmen: Die Jugend studiere bekanntlich viel zu lange, weshalb ihr die Kultusminister am liebsten mit dem Bachelor/Master auf die Sprünge hülfen. Und die CDU-Gesundheitsexperten wollen, dass die Unis weniger wissenschaftlich und mehr realitätsnah ausbilden [1]. Noch schreibt man die „Fachhochschule“ nicht ins Programm, aber ich bin sicher, man denkt sie schon! Die Verwaltungsjustiz denkt nicht mehr, sie handelt längst: Durch rigorose Auslegung der Kapazitätsverordnung stopft sie die Unis voll. Die wiederum dürfen, um den auf Hundertstelstellen berechneten „Curricularnormwert“ nicht zu überschreiten, den Zahnis im Gegensatz zu ihren Human-Kollegen keine Seminare anbieten. Das wäre eine „unerlaubte Qualitätssteigerung“. Auch der „study load“ sollte vernünftigerweise höchstens 25 Wochenstunden betragen. Die Konsequenz aus diesen Forderungen hört sich so an: Das Studium muss entrümpelt, verschlankt, verkürzt werden. Wir brauchen zupackende Dentisten und keine Evidenz-theoretisierenden Schreibtischtäter mit großem Binnen-M und psychologisierender Halbkompetenz, die ihre Energie vielleicht noch an langatmigen Dissertationen verpulvern.
Es ist traurig – aber die Rufe nach mehr Medizin bleiben nur wohlfeile Allgemeinplätze, von denen jeder weiß, dass sie zwar irgendwie richtig klingen, aber eben an der Realität komplett vorbeigehen. An der finanziellen Realität der Länder ebenso wie an der Berufsbild-Realität der Zahnärzte. Selbstverständlich kann mehr medizinisches Wissen niemals schaden. Aber – ich will es etwas überspitzt ausdrücken – was hilft es dem Zahnmediziner z.B., die Knochen, Muskeln und Gefäße der unteren Extremitäten zu lernen, wenn er dort weder diagnostisch noch therapeutisch tätig sein darf? Und selbst wenn man drei Semester Psychologie vorschriebe – „Reden mit dem Patienten“ gälte deshalb noch lange nicht als wirtschaftlich, ausreichend und notwendig und würde deshalb auch nicht honoriert. Es hilft nichts: Wer das Binnen-M nicht nur als Verbalfolklore haben will, muss schon konkret erläutern, was sich ändern soll. Nicht nur beim Studium, auch beim Berufsbild. Und er muss dafür kämpfen!
Was meinen Sie? Sollten Zahnmediziner hierzulande künftig nach dem früheren österreichischen Modell ausgebildet werden – also erst Medizin, dann Spezialisierung zur Zahnmedizin? Und falls es bei dem derzeitigen fünfjährigen Regelstudium bliebe, was sollte wegfallen, was neu in das Curriculum hinein? Diskutieren Sie mit uns und anderen Lesern, indem Sie die unten stehende Kommentarfunktion nutzen.
[1] „Das Angebot vom Bedarf des Patienten her gestalten“. 14 Vorschläge für eine Reform der medizinischen Versorgung in Deutschland. Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
[2] „Integration der Zahnmedizin in die Medizin ist mehr als eine Vision“. Prof. Dr. Dr. Schliephake im Interview. DZW 3/11, 4




Leser-Kommentare
Ein wichtiges Thema, das endlich auch mal durch Gesundheitspolitiker aufgenommen werden sollte. Eine spannende Frage wäre nun, welche Erfahrungen die Österreicher im Vergleich mit ihrem früheren und dem jetzigen System gemacht haben.
Schön und gut. Wir hatten dies bis 1989 schon einmal - den Stomatologen. Warum wurde dies erst abgeschafft? Um es jetzt nach über 20 Jahren neu zu erfinden? Wir waren ja auch Fachzahnärzte für Stomatologie mit einem entsprechenden medizinischen Ausbildungsrahmen. Dies hat nun aber weiß Gott nichts mit Politik zu tun. Dr. Gottfried Wolf, Suhl drgoetzwolf@gmx.de
Im Gegensatz zu den Hausärzten gibt es bei den Zahnärzten keine Unterversorgung. Um aus dem Dilemma relative Überversorgung einerseits und die zunehmend größer werdenden Anforderungen an den "Mund-Arzt" andererseits gerecht zu werden, wäre es nach dem Procedere zum Kieferchirurgen vorteilhaft zuerst Humanmedizin zu studieren, dann Zahnheilkunde als Fachrichtung zu wählen.Die Bevölkerung wird immer älter und damit kränker- deshalb ist die Allgemeinmedizin vor allem aus dieser Tatsache heraus immer mehr gefordert. Im Speziellen entwickelt sich die Parodontologie und die Implantologie immmer mehr zur "Humanmedizin".Das Studium dürfte ca. 10 Jahre dauern; der Kieferchirurg benötigt schon immer ca. 15 Jahre.Die Fachrichtung Zahn-Medizin wird aufgrund der erforderlichen Ausbildungsjahre wahrscheinlich weniger Zahn-Ärzte hervorbringen; die relative Überversorgung ginge dadurch wahrscheinlich zurück. Dr.Herbert Bruckbauer
Zunächst ist es wichtig eine neue Fachrichtung zu definieren. Ich denke mehr an funktionelle Zusammenhänge als an anatomische Gebietsbezeichnungen. Sinnvoll wäre z.B. eine Facharztausbildung zum stomato-gastro-enterologen mit besondere Kenntnisse im Bereich der endokrinologie, orthopädie, psychosomatik und schmerztherapie. Ich denke da an Parodontitis bei Diabetiker und bei Koronarerkrankungen, an kraniomandibuläre dysorders, an Bruxismus mit psychosomatischen Komponent und Migräne, und an Vieles mehr. Das kann natürlich nicht in einer konventionellen Facharztausbildung erlernt werden, dazu reicht die Lebenszeit eines Menschen nicht aus. Alternativen müssen her, z.B. Mediziner-Netzwerke, alle Fachrichtungen in einem Haus. Jedenfalls ist das jetzige Studium der Zahnheilkunde nicht mehr zukunftsfähig. Es liegt alleine in der Verantwortung des einzelnen Kollegen sich postgraduell fortzubilden oder ein einfacher Zahn-Arzt, ohne Zukunftsperspektiven, zu bleiben. Dr. Konstantin Sander