Ganzheitliche Prophylaxe: In der Zahnarztpraxis das Präventionspotenzial voll ausschöpfen

Drucken aktualisiert am 17.11.2009

Mundhygiene ist die beste Prophylaxe für gesunde Zähne und gesundes Zahnfleisch, die auf häuslicher Pflege und professioneller Zahnreinigung fußt. Dass die zahnärztliche Primärprävention heute über die PZR hinausgehen sollte, wurde aktuell in einem Symposium beim diesjährigen Deutschen Zahnärztetag [1] diskutiert, das Wechselwirkungen zwischen entzündlichen Mundhöhlenerkrankungen und dem Gesamtorganismus aufzeigte. Rauchentwöhnung und Ernährungsberatung sind weitere Strategien, mit denen Zahnmediziner die individuelle Mundgesundheit der Patienten verbessern und Risikofaktoren für den gesamten Organismus verringern können.

Vitaler dentaler Biofilm im konfokalen Fluoreszenzmikroskop (Live/Dead-Färbung: rot kennzeichnet tote Bakterien). © Koban/Welk
Vitaler dentaler Biofilm im konfokalen Fluoreszenzmikroskop (Live/Dead-Färbung: rot kennzeichnet tote Bakterien). © Koban/Welk


Die PZR mit dem Ziel der effektiven und sicheren Plaqueentfernung ist ein wichtiger Bestandteil in der Prävention oraler Erkrankungen. Dass die Plaque nicht nur eine Ablagerung auf den Zähnen ist, sondern ein aktiver Biofilm, in dem die Bakterien unter anderem Interaktionen und Stoffwechselkooperationen eingehen, erläuterte Dr. Alexander Welk, Oberarzt am Universitätsklinikum Greifswald, beim Deutschen Zahnärztetag in München.

Durch die Bildung eines etablierten Biofilms über mehrere Stufen kommt es zu einer Verschiebung des Keimspektrums hin zu den für die oralen Erkrankungen wie Karies, Gingivitis und Parodontitis verantwortlichen pathogenen Mikroorganismen. Schon in kürzester Zeit nach der Zahnreinigung bildet sich die Pellikel – ein nicht bakterieller Proteinfilm – auf der Zahnoberfläche aus, worauf sich nach einigen Stunden sogenannte Erstbesiedler bzw. Pionierkeime anlagern. Diese aeroben bzw. fakultativ aeroben Bakterien sind die Voraussetzung für die Anlagerung der Nachfolgekeime. Die von den Bakterien über Stoffwechselprozesse gebildete organische Matrix dient sowohl als Gerüst als auch Nahrungsspeicher. Die Vermehrung der pathogenen anaeroben Mikroorganismen im etablierten Biofilm führt letztendlich über die Bildung von Säuren zu Karies und über Bakterientoxine zu Entzündungen der Gingiva bzw. wirtsabhängig zur Schädigung des Parodontiums.

„Tägliche Mundhygiene arbeitet der Entstehung des etablierten Biofilms entgegen. Die Effektivität der mechanischen Zahnreinigung kann durch antibakterielle Mundspüllösungen unterstützt werden“, betonte Dr. Welk. So können die ätherischen Öle (Listerine®) dazu beitragen, die durch die Anwendung von Zahnbürste und Zahnseide mögliche Plaque- und Gingivitisreduktion noch zu steigern [2].

Um der Bekämpfung der Problemkeime des Biofilms Herr zu werden, setzen aktuelle Forschungsansätze etwa auf die Suche nach neuen Wirkstoffen, Enzymen oder auch Antikörpern, die die Anlagerung von Bakterien auf der Zahnoberfläche bzw. die Pathogenität des Biofilms verhindern sollen. Doch auch angesichts solcher innovativer Strategien resümierte Dr. Welk: „Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine effektivere Alternative zu dem praktisch erprobten Prophylaxekonzept der chemo-mechanischen Plaquekontrolle, bei dem tägliche häusliche Mundhygiene und die PZR in den Praxen mit individuellem Recall-System ineinander greifen.“

Aufklärung über systemische Zusammenhänge



Im Rahmen der PZR können Zahnärzte über weitere individuelle Risikofaktoren aufklären, empfahl Prof. Dr. Bernd-Michael Kleber, Universitätsklinikum Charité Berlin, auf der Veranstaltung in München und plädierte für eine ganzheitliche Prophylaxe in der Zahnmedizin. Studien zum Zusammenhang zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen zeigen, dass Prävention und Therapie oraler Erkrankungen das Risiko systemischer Erkrankungen verringern können. Parodontitis erhöht etwa das Mortalitätsrisiko bei Typ-2-Diabetikern [3] oder das Risiko für wiederkehrende Herz-Kreislauf-Erkrankungen [4]. Prof. Kleber betonte, dass die Parodontitisbehandlung eine Chance für diese Patienten bietet: Nach der parodontalen Therapie können sich die Endothelfunktion und die Dilatation der Blutgefäße deutlich verbessern [5]. Angesichts des stark erhöhten Risikos für Parodontitis bei Übergewicht mit einem BMI über 30 [6] schlug Prof. Kleber vor, auch Ernährungsgewohnheiten und Zuckerkonsum der Patienten anzusprechen.

Rauchen als Risikofaktor – Rauchentwöhnung in der Praxis



Im Praxisalltag werden solche Fragen oft nur kurz gestreift, konstatierte Prof. Kleber, und ermunterte die Kollegen: „Das Feld ist frei für die Zahnarztpraxis, um hier das gesamte Präventionsspektrum anzusprechen.“ Die Raucherberatung ist ein Ansatzpunkt für Prophylaxe und therapeutische Begleitung. Rauchen erhöht nicht nur die Mortalität [7], bei Erkrankungen im Mundbereich haben Raucher ein 3,1-fach höheres Risiko für besonders aggressive Formen von Parodontitis [8]. Laut Prof. Kleber spricht die Parodontitis-Therapie bei Rauchern seltener an, Implantatmisserfolge und Periimplantitis treten häufiger auf. Nach einer aktuellen Umfrage zur zahnärztlichen Raucherberatung in 9.000 Praxen [9] sind sich die meisten Zahnärzte dieser Problematik zwar bewusst, 63,1 Prozent haben sich jedoch noch nicht mit der Raucherberatung in der Praxis auseinandergesetzt und 90,8 Prozent bieten auch kein Informationsmaterial zur Rauchentwöhnung an. 74,6 Prozent der Befragten wünschen sich aber eine Weiterbildung zu diesem Thema. Die Nikotinersatztherapie (etwa mit TX-Pflaster, Microtab, Kaugummi oder Inhaler von Nicorette®) bietet eine nebenwirkungsfreie Option für den Rauchstopp. Prof. Kleber plädiert, die Raucherentwöhnung in die Routineaufklärung zu integrieren: „Raucherentwöhnung in der zahnärztlichen Praxis ist bedeutend, um die Risikofaktoren für orale und allgemeine Krankheiten zu mindern. Ohne professionelle Unterstützung ist der Erfolg gering, mit Anleitung zur Verhaltensänderung und pharmakologischer Unterstützung sind die Bemühungen effektiv.“ Ein Pilotprojekt zur Weiterbildung in diesem Gebiet startet im Herbst in Mainz, weitere Fortbildungen sind geplant.

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Literaturverzeichnis

[1] Symposium „Prophylaxe – nur PZR?“ am 7.11.2009 beim Deutschen Zahnärztetag in München (Veranstalter Johnson & Johnson)

[2] Sharma et al. Adjunctive benefit of an essential oil-containing mouthrinse in reducing plaque and gingivitis in patients who brush and floss regularly: a six-month study. J AM Dent Assoc 2004; 135 (4): 496–504

[3] Saremi A et al.: Periodontal disease and mortality in type 2 diabetes. Diabetes Care 2005: 28:27-32

[4] Paju S et al.: Is periodontal infection behind the failure of antibiotics to prevent coronary events? Atherosclerosis 2007; 193(1): 193–195

[5] Tonetti MS et al.: Treatment of periodontitis and endothelial function. N Engl J Med 2007; 356(9): 911–920

[6] Saito T et al.: Obesity and periodontitis. N Engl J Med 1998; 339 (7): 482–483

[7] Doll R et al.: The mortality of doctors in relation to their smoking habits: a preliminary report. 1954. BMJ 2004; 328:1529–1533

[8] Levin L et al.: Aggressive periodontitis among young Israeli army personnel. J Periodontol 2006; 77 (8):1392–1396

[9] Gehring H et al.: Rauchgewohnheiten und Raucherberatung in Zahnarztpraxen. Poster Paradontologie 23, Deutscher Zahnärztetag 2009, Dtsch Zahnarztl Z 2009; 64 (11): D32

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