Expertensymposium von Ivoclar Vivadent

Implantatprothetik und Vollkeramik

Drucken Von Dr. Gisela Peters    aktualisiert am 13.09.2010

Auf dem Expertensymposium in Berlin am 19. Juni 2010 wurde Zahnärzten und Zahntechnikern in sehr komprimierter Form Aktuelles aus Wissenschaft, Praxis und Labor geboten. Für diese Veranstaltung hatte Ivoclar Vivadent fünfzehn bekannte Referenten gewonnen, die ihr Fachgebiet wesentlich mitgestalten. Sie ließen die 400 Zuhörer an praxisrelevanten Erfahrungen oder eigenen Untersuchungsergebnissen zu den Trendthemen Implantatprothetik und Vollkeramik teilhaben.

Abb. 1a u. b: a) Kronenpräparation bei einem 17-jährigen Patienten mit stark verfärbten Zahnstümpfen infolge einer Dentinogenesis imperfecta. b) Glaskeramische Kronen (Schichttechnik): Durch Wahl des Opazitätsgrades (hier: Medium-Opacity) für die Kronengerüste aus Lithium-Disilikat-Keramik und die Eingliederung mit einem weiß-opaken Befestigungskomposit (Variolink II) werden die verfärbten Zahnstümpfe perfekt maskiert (Bild: Prof. Dr. Edelhoff. Zahntechnische Arbeiten: ZT Oliver Brix, Innovatives Dental Design, Wiesbaden).
Abb. 1a u. b: a) Kronenpräparation bei einem 17-jährigen Patienten mit stark verfärbten Zahnstümpfen infolge einer Dentinogenesis imperfecta. b) Glaskeramische Kronen (Schichttechnik): Durch Wahl des Opazitätsgrades (hier: Medium-Opacity) für die Kronengerüste aus Lithium-Disilikat-Keramik und die Eingliederung mit einem weiß-opaken Befestigungskomposit (Variolink II) werden die verfärbten Zahnstümpfe perfekt maskiert (Bild: Prof. Dr. Edelhoff. Zahntechnische Arbeiten: ZT Oliver Brix, Innovatives Dental Design, Wiesbaden).


In allen Vorträgen ging es letztlich um die Fragen: Was führt weiter? Was lohnt sich für die Praxis, das Labor, die Patienten? Bestätigen Studien und konkrete Erfahrungen die Qualität neuer Methoden und Materialien? Und: Kommt man heute noch an Vollkeramik, CAD/CAM und navigierter Implantologie vorbei?

Vollkeramik – kein bloßer Trend, sondern echter Fortschritt



Dezidiert bezog Prof. Dr. Daniel Edelhoff (Universität München) Stellung. Er zeigte, wie neue Materialien und Methoden zum Erhalt der Zahnhartsubstanz beitragen. Wer heute Schmelzerosionen und  abrasionen frühzeitig therapiert, erspart seinem Patienten zu einem späteren Zeitpunkt womöglich chirurgische Kronenverlängerungen, endodontische und andere Behandlungen. Beispielsweise benötigen vollanatomische Onlays aus der innovativen Keramik Lithium-Disilikat (LS2) von Ivoclar Vivadent nur noch Wandstärken von einem Millimeter (mit Maltechnik), bei „Thin-Veneers“ sind zum Teil sogar nur 0,3 mm Mindestschichtstärke nötig. Diese Glaskeramik kann in Press- und CAD/CAM-Technik zu Veneers, Onlays und Kronen im Front- und Seitenzahnbereich verarbeitet werden und ermöglicht funktionell wie ästhetisch überzeugende Ergebnisse (Abb. 1a u. b).

Mehr zu den ästhetischen und physikalischen Eigenschaften hörten die Teilnehmer im Vortrag von Dipl.-Ing. Marcel Schweiger (Abteilung Forschung & Entwicklung Keramik, Ivoclar Vivadent AG, Schaan). Das Material ist in vier Transluzenzen erhältlich. Hinsichtlich Opazität und Farbe zeigt sich kein Unterschied in der biaxialen Bruchfestigkeit. Die Werte liegen zwischen 360 und 400 MPa, je nachdem, ob das Fräs- oder Pressverfahren angewendet wird.

Aus LS2 können einerseits hochfeste monolithische Kronen hergestellt werden. Andererseits – dies ist ab Herbst 2010
Abb. 2: Vollanatomisches LS2- und geschichtetes ZrO2-Kronendesign im Querschnitt (Bild: Ivoclar Vivadent).
Abb. 2: Vollanatomisches LS2- und geschichtetes ZrO2-Kronendesign im Querschnitt (Bild: Ivoclar Vivadent).
neu – lässt sich das Material als maschinell gefertigte Verblendstruktur („CAD-on“-Technik) auf Zirkonoxid-Gerüsten einsetzen (Abb. 2). Ein eigens entwickeltes Glaskeramik-Lot schafft den sicheren Haftverbund. Durch diese Methode wird das Chippingrisiko umgangen, das bei Verwendung herkömmlicher Aufbrennkeramiken vor allem auf Zirkonoxid-, aber auch Metallgerüsten besteht.
Zur Wirtschaftlichkeit dieses Materials referierten Dr. Gerhard Werling (Bellheim) und Dr. Andreas Kurbad (Viersen). Die Zuhörer erfuhren: Es ist oft sinnvoll, zur Finalisierung chairside gefertigter Kronen im ästhetisch anspruchsvollen Frontzahnbereich den Techniker heranzuziehen. Hochfeste vollanatomische Seitenzahnkronen aus LS2 lassen sich „labside“ oder „chairside“ sehr wirtschaftlich herstellen. Ein weiterer Vorteil ist, dass LS2-Kronen bei retentiver Stumpfpräparation auch konventionell zementierbar sind.

Abb. 3: Restaurationen mit vollanatomisch gepressten dreigliedrigen Brücken aus LS2 waren nach acht Jahren noch zu 94,4 % klinisch in Funktion. Dies liegt im Bereich metallkeramischer Brücken [2] (Bild: Prof. Dr. Kern).
Abb. 3: Restaurationen mit vollanatomisch gepressten dreigliedrigen Brücken aus LS2 waren nach acht Jahren noch zu 94,4 % klinisch in Funktion. Dies liegt im Bereich metallkeramischer Brücken [2] (Bild: Prof. Dr. Kern).
Zur Frage der Zementierung nahmen Prof. Dr. Stefan Wolfart (Technische Universität Aachen) und Prof. Dr. Matthias Kern (Universität Kiel) Stellung. Ihre Faustregel: Keramiken mit einer Biegefestigkeit von mehr als 300 MPa und einer Bruchzähigkeit deutlich über 3 MPa m1/2 können unter Berücksichtigung der konkreten Situation konventionell zementiert werden. Diese Bedingung erfüllt Lithium-Disilikat.

Ein weiteres wichtiges Thema war die klinische Bewährung dieser Vollkeramiken. Prof. Kern zitierte seine achtjährige prospektive klinische Studie, die für vollanatomisch gepresste dreigliedrige Brücken aus dem hochfesten LS2 eine Frakturrate von 5,6 % ergab. 94,4 % der Restaurationen waren nach acht Jahren noch klinisch in Funktion. Für einen Zeitraum von sechs bis acht Jahren ist belegt, dass diese Brücken ähnlich gute Überlebensraten wie Metallkeramik-Brücken aufweisen (Abb. 3) [1, 2].

Vollkeramik und Titan in der Implantologie



Auch in der Implantologie bewährt sich die Vollkeramik. Dr. Detlef Hildebrand (niedergelassener Zahnarzt in Berlin) und Dr. Urs Brodbeck (Fachzahnarzt für Rekonstruktive Zahnmedizin, Zürich) berichteten von der Gingivafreundlichkeit der Zirkonoxidkeramik im Vergleich mit Titan-Versorgungen [3, 4]. Die deshalb entwickelten Zirkonoxid-Abutments unterstützen die gingivale Ausformung wirkungsvoller als Titan-Aufbaupfosten und tragen zum bestmöglichen Erhalt der Papille bei.

Als State-of-the-Art in der Implantologie bezeichneten sie das 3D-Röntgen und Backward Planning. Ebenso wichtig sind die sorgfältige Auswahl der Implantate zur Minimierung der Microleakage [5, 6], die schablonengeführte Implantation und das Weichgewebsmanagement unter Einbeziehung von Vollkeramik sowie die Implantatnachsorge. Für die nachhaltige Erfolgssicherung hat Ivoclar Vivadent das speziell abgestimmte Produktsystem „Implant Care“ entwickelt. Es dient der professionellen Reinigung und Keimkontrolle über Jahre hinweg.

Neues implantatprothetisches Konzept spart den Patienten Zeit



Einen neuen Weg in der Implantologie stellte Dr. Paul Weigl (Universität Frankfurt/M.) vor. Patienten mit geringer oder völlig fehlender Bezahnung lassen sich in nur einer Sitzung mit implantatgetragener Prothese versorgen. Die definitive Prothese wird schon zum Insertionstermin fertig gestellt. Den festen Halt übernehmen mit Zirkonoxid-Primärkronen versehene Implantate, auf denen die Prothese über Galvanohülsen verankert wird.

Der Patient schaut auf die Zähne



Zahnärzte erfahren es fortwährend: Die gute Funktion von Zahnersatz setzt der Patient eher voraus, bei der Wahl der Verfahren schaltet er sich oft nicht so engagiert ein wie bei der Zahnästhetik. Um hier neue Maßstäbe zu setzen, hat Ivoclar Vivadent eine Zahn-Linie mit keramikähnlicher Ästhetik und neuer Werkstoffkomponente entwickelt: die Phonares-Prothesenzähne. Die Frontzähne folgen einem alters- und typengerechten Konzept, in dem einerseits zwischen jugendlichen, universellen und gereiften Formen und andererseits einer weichen und einer markanten Linie unterschieden wird. Bei den Seitenzähnen wählen die Anwender je nach Aufstelltechnik die universelle Linie, die sich sowohl für die Teil- als auch Total- und Hybridprothetik eignet, oder den Typ Lingual, der eigens für die implantatgetragene, abnehmbare Prothetik konzipiert wurde. Untersuchungen zeigen, dass die Kaubelastung im implantatgestützten Zahnersatz besonders hoch ist [7]. Deshalb sind die Phonares-Zähne besonders abrasionsfest.

Dr. Martin Rosentritt (Universität Regensburg) stellte diese Zahnlinie vor, deren wesentlicher Bestandteil der neue NHC-Werkstoff (Nanohybridcomposite) ist. Er verleiht den Zähnen ähnliche physikalische Eigenschaften wie ein Füllungskomposit. Dr. Rosentritt und sein Team unterzogen verschiedene Prothesenzähne Tests zum Nahrungsmittel- sowie Kontaktverschleiß und verglichen sie mit Probekörpern aus Nanofüller-Komposit. Dabei schnitten die Phonares-Zähne sehr gut ab, Abrasivität und Eigenabrasion unterschieden sich nur wenig von den Werten direkter Restaurationsmaterialien [8].

Ausblick auf weitere „Competence“-Fortbildungsveranstaltungen



In den letzten dreieinhalb Jahren hat Ivoclar Vivadent mehr als vierzig „Expertensymposien“ angeboten, die eine wachsende Zuhörerzahl anzogen: Mehr als 8.000 Zahnärzte und Zahntechniker besuchten die Veranstaltungen, deren Themen stets aktuell ausgerichtet sind. Manche Symposien wenden sich an das Team Zahnarzt–Zahntechniker, andere gehen speziell auf praxisrelevante oder rein laborbezogene Fragestellungen ein. In diesem Herbst finden noch zwei Veranstaltungen für Zahnärzte statt: Am 3. November in Münster und am 24. November in Zwickau. Die sehr gut besuchte Reihe wird 2011 fortgesetzt. Informationen dazu finden sich auf der Homepage www.ivoclarvivadent.de unter „Fortbildung“. Weitere Information erhalten Sie bei Frau Jutta Nagler, Tel. 07961 889205.

Weitere „Competence“-Fortbildungsveranstaltungen für Zahnärzte in diesem Jahr:
OrtDatum
Art der VeranstaltungThema
Münster  03.11.  Intensivseminar für ZahnärzteAdhäsive und Komposit-Restaurationen
Zwickau  24.11.  Expertensymposium für ZahnärzteAdhäsive und Komposit-Restaurationen


 

 

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Fotostrecke
Abb. 2: Vollanatomisches LS2- und geschichtetes ZrO2-Kronendesign im Querschnitt (Bild: Ivoclar Vivadent).   Abb. 3: Restaurationen mit vollanatomisch gepressten dreigliedrigen Brücken aus LS2 waren nach acht Jahren noch zu 94,4 % klinisch in Funktion. Dies liegt im Bereich metallkeramischer Brücken [2] (Bild: Prof. Dr. Kern).  


Literaturverzeichnis

[1] Wolfart S, Eschbach S, Scherrer S, Kern M: Clinical outcome of three-unit lithium-disilicate glass-ceramic fixed dental prostheses: Up to 8 years results. Dent Mater 25, e63–71 (2009)
[2] Creugers NH, Käyser AF, vant ‘t Hof MA: A meta-analysis of durability data on conventional fixed bridges. Community Dent Oral Epidemiol 22, 448–452 (1994)
[3] Scarano A, Piattelli M et al.: Bacterial adhesion on c.p. titanium and zirconium oxide disks. An in vivo human study. J Periodontol 75, 292–296 (2004)
[4] Degidi M, Artese L et al.: Inflammatory infiltrate, microvessel density, nitric oxide synthase expression, vascular endothelial growth factor expression and proliferative activity in peri-implant soft tissues around titanium and zirconium oxide healing caps. J Periodontol 77, 73–80 (2006)
[5] Besimo CE, Guindy JS et al.: Prevention of bacterial leakage into and from prefabricated screw-retained crowns on implants in vitro. Int J Oral Maxillofac Implants 14, 654–660 (1999)
[6] Zipprich H, Weigl P et al.: Erfassung, Ursachen und Folgen von Mikrobewegungen am Implantat-Abutment-Interface. Implantologie 15, 31–46 (2007)
[7] Hämmerle CH, Wagner D et al.: Threshold of tactile sensitivity perceived with dental endosseous implants and natural teeth. Clin Oral Implants Res 6, 83–90 (1995)
[8] Rosentritt M, Handel G, Hahnel S.: Verschleißuntersuchungen an Prothesenzähnen. Quintessenz Zahntechnik 36, 794–800 (2010)

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