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Zink in Prothesenhaftcremes als indirekte Ursache von Polyneuropathie?

Drucken Von Dr. Felix Blankenstein    aktualisiert am 03.02.2011

Auf einigen Internetseiten wird derzeit vor Zink in Prothesen-Haftcremes wie z.B. Fixodont (Procter & Gamble/USA) und Poligrip (GSK/USA) gewarnt. Mit drastischem Vokabular werden die Verbraucher verunsichert und auf mögliche Vergiftungen hingewiesen. Ein Auslöser hiefür könnte auch der überraschende Gang vor die Presse sein, in dem die Firma GlaxoSmithKline (GSK) im Februar 2010 bekannt gab, ab sofort keine zinkhaltigen Produkte mehr zu verkaufen oder herzustellen. Damit sollten möglich scheinende Problemen der Konsumenten vermieden werden.



Die Verwendung von Zinksalzen in verschiedenen Copolymeren zur Stabilisierung der Haftcremes wurde 1988 in den USA patentiert und danach von den Marktführern auch bei vielen ihrer Produkte genutzt. Was war geschehen, dass es jetzt zu dieser Kampagne gegen ein bis dahin „unbescholtenes“ Produkt kam?

Das Krankheitsbild der Hypocuprämie (Kupfermangel) ist schon länger bekannt. In der Folge von Knochenmarksuppression und Polyneuropathie kommt es dabei zu motorischen und sensorischen Ausfällen: Parästhesien der Extremitäten, Gleichgewichtsstörungen und Gehbehinderung. Solche Symptome waren von Typ-2-Diabetikern bekannt. Sie traten auch bei fettleibigen Patienten nach Magen-Bypass-Operation auf, weil bestimmte Diäten zum Kupfermangel führten.

Eine weitere Ursache kann eine exzessive Aufnahme von Zink sein, denn im Dünndarm wird durch hohe Zinkmengen das Polypeptid Metallothionein exprimiert, welches Schwermetalle bindet. Damit soll deren Aufnahme in den Körper verhindert werden. Unglücklicherweise ist die Affinität dieses Enzyms zu Kupfer deutlich höher als zu Zink; damit wird das Kupfer so fest an die Intestinalzellen gebunden, dass es nicht mehr vom Körper absorbiert werden kann. Mit dem üblichen epithelialen Turnover geht dieses Kupfer dann via naturalis verloren. Kupfer ist aber ein essenzieller Cofaktor vieler Neuroenzyme, woraus sich nun die Krankheitssymptome erklären.

Nachdem 2008 und 2009 je eine Publikation von Einzelfällen kombinierter Hypocuprämie und Hyperzincämie berichtete, bei denen als Zinkquelle der exzessive Gebrauch von Prothesenhaftcreme identifiziert worden war, untersuchte ein US-Neurologenteam eine Gruppe von elf Patienten mit bis dahin als idiopathisch bezeichneter Hyperzincämie erneut. Bei allen Patienten (100 %!) fand sich als Zinkquelle ein massiver Haftcreme-Abusus, weil deren Prothesen durchgehend insuffizient waren. Die Ärzte stellten einen durchschnittlichen wöchentlichen Haftcremeverbrauch von mehr als zwei Tuben zu 80 Gramm fest, welcher über sieben Jahre und mehr angedauert hatte. Daraus berechneten sie eine tägliche Zinkaufnahme von 350 bis zu 1.700 mg. Zum Vergleich sei die Zinkdosis herangezogen, die bei der bekannten Kupferspeicher-Krankheit Morbus Wilson eingesetzt wird, um die in Leber und Gehirn angesammelten Kupfermengen herauszulösen. Diese Patienten erhalten bis zu 75 mg/d. Die Haftmittelnutzer nahmen also zwischen 5- und 23-mal soviel Zink zu sich wie die schwer an Mb. Wilson Erkrankten!

Praktische Konsequenz



Welche Konsequenzen können aus dieser Genese gezogen werden?

1) Künftig müssen solche eher ungewöhnlichen Zinkquellen beim Auftreten der hier geschilderten Polyneuropathie mit abnormalen Zink- und Kupfer-Blutspiegeln differenzialdiagnostisch gewürdigt werden.

2) Man könnte zinkhaltige Haftcremes meiden, sie staatlicherseits verbieten oder, wie teilweise schon geschehen, durch Selbstverpflichtung der Hersteller aus dem Verkehr nehmen.

3) Man könnte die guten Hafteigenschaften der zinkhaltigen Cremes aber auch weiterhin nutzen, wenn die Träger herausnehmbarer Prothesen besser aufgeklärt würden und ein regelmäßiger Kontrolltermin beim Zahnarzt finanzierbar wäre. Beides schien bei den Patienten der hier besprochenen Studien nicht der Fall gewesen zu sein.

Aus Deutschland sind solche Fälle bisher nicht publiziert. Dies liegt hoffentlich auch daran, dass hierzulande kaum ein Patient über so lange Zeit mit so schlecht sitzenden Prothesen und einem derart hohen (und teuren) Haftmittelverbrauch keinen Zahnarzt konsultiert. Wenn also bei normalem Gebrauch dieses durchaus nützlichen Adjuvans eine echte Gefährdung unmöglich scheint, sollte unsere Aufmerksamkeit aber denjenigen gelten, die aufgrund ihrer Pflegebedürftigkeit und Multimorbidität aus der regelmäßigen Kontrolle ihrer Mundgesundheit unmerklich herausgleiten!


Quellen:


Hedera P, Peltier A, Fink JK, Wilcock S, London Z, Brewer GJ: Myelopolyneuropathy and pancytopenia due to copper deficiency and high zinc levels of unknown origin II. The denture cream is a primary source of excessive zinc. Neurotox 30, 996–999 (2009)

Spinazzi M, Armani M: Denture cream: an unusual source of excess zinc, leading to hypocupremia and neurologic disease. Neurology 73, 76 (2009)

Tezvergil-Mutluay A, Carvalho RM, Pashley DH: Hyperzincemia from ingestion of denture adhesives. J Prosthet Dent 103, 380–383 (2010)

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Dr. F. Blankenstein

Dr. Felix Blankenstein

CharitéCentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre

Aßmannshauser Straße 4–6

14197 Berlin

Leser-Kommentare

1. Von rissen am 12.11.2011 15:35 Uhr:
Auf dem Kongreß der DGN(Deutsche Gesellschaft für Neurologie) 2009 wurde von Dr.med.Julian Zimmermann, Uniklinik Bonn(Neurologie) ein Patientenvideo (Kukident-Haftcreme, Überdosierung) mit Zink-Polyneuropathie publiziert!
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