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Wechselbeziehung zwischen Parodontitis und Diabetes
Mundgesundheit und Diabetes mellitus – Teil 3
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Dr. Dietmar Oesterreich.
Beiträge zum Thema
Herr Dr. Oesterreich, können Sie sich bitte kurz vorstellen?
1981 habe ich mein Zahnmedizinstudium an der Universität Rostock abgeschlossen. Seit 1991 bin ich in Stavenhagen niedergelassen. Schwerpunkte unserer Praxistätigkeit sind Prophylaxe und Parodontologie. Seit 1991 bin ich Präsident der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern und seit 2000 Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Dabei beschäftige ich mich schwerpunktmäßig mit Prävention, Wissenschaft und Forschung in der Zahnmedizin, Aspekten der Patientensicherheit und der Öffentlichkeitsarbeit.
Ihr Vortragsthema war die Bedeutung der Mundgesundheit für die Allgemeingesundheit. Was können Sie uns zu dieser spannenden Thematik sagen?
Leider ist die Zahnmedizin über viele Jahre auch in der Forschungslandschaft mit dem sog. „Handwerkermodell“, also der Orientierung auf reparative Therapieansätze, völlig verkürzt dargestellt worden. Mit der regelmäßigen Gewinnung sozialepidemiologischer Daten über orale Erkrankungen und durch die sich daraus ergebenden Herausforderungen im Bereich der Prävention entstand eine sehr viel stärker biologisch-systemische Sicht auf die Zahnheilkunde. Orale Erkrankungen nehmen hinsichtlich ihrer Kausalität und der gegebenen Risikofaktoren im Vergleich zu systemischen Erkrankungen keine Sonderrolle ein. Sie werden grundsätzlich durch Verhaltensrisiken, soziale Umfeldrisiken und somatische Risiken bestimmt. Beispielsweise bestimmen die Faktoren Bildung und Einkommen auch in der Zahnmedizin ganz wesentlich das Erkrankungsrisiko.
Bei den somatischen Risiken stellten sich die eben angesprochenen Zusammenhänge zwischen parodontalen Erkrankungen einerseits und Herz-, Atemswegs-, rheumatischen und Knochen-Stoffwechsel-Erkrankungen andererseits heraus. Speziell beim Diabetes zeigt sich eine auffällige wechselseitige Beeinflussung. So erweist sich die Parodontitis zunehmend als eine wesentliche Folgeerkrankung des Diabetes, erschwert aber im Gegenzug auch die therapeutische Beeinflussung eines Diabetes erheblich. Auch für Frühgeburten und untergewichtige Kleinkinder stellt sich eine mütterliche Parodontitis inzwischen als Risikoverstärkung dar. Besser kann gar nicht mehr gezeigt werden, dass die Zahnmedizin einen integralen Bestandteil des medizinischen Fächerkanons darstellt. Dies erfordert auch zunehmend medizinische Kompetenz des Zahnarztes! In wichtigen Lebensphasen ist der Zahnarzt der am häufigsten konsultierte Mediziner, also ergibt sich auch beim Zahnarzt die Chance zur Risikominimierung einiger systemischer Erkrankungen wie auch zu deren Früherkennung. Das bekanntermaßen erfolgreiche Präventionsdenken der Zahnmedizin kann auch zur Verbesserung der Allgemeingesundheit der Bevölkerung genutzt werden. Dies ist ein wesentliches Ziel der Bundeszahnärztekammer. Auf der Grundlage solider sozialepidemiologischer Daten und erster Ergebnisse aus der zahnmedizinischen Versorgungsforschung gilt es, Gesundheitssystemgestaltung zu betreiben und die Bedeutung und das Potenzial unseres Faches entsprechend zu platzieren. Dazu kommen weiterhin die breite Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und auch die zielgerichtete Fortbildung der zahnärztlichen Teams.
Wie sieht eine optimale Prävention aus?
Sie fußt auf vier wesentlichen Säulen. Zum ersten ist die Mundhygiene stetig zu optimieren: zweimal täglich Zahnhygiene, einmal täglich Zahnzwischenraumhygiene mit Zahnseide oder Bürstchen, dazu einmal täglich Zungenreinigung. Zum zweiten ist die Fluorid-Zufuhr wesentlich, entweder durch entsprechende Zahnpasten oder, bei Vorliegen eines erhöhten Risikos, durch Lacke, Gele oder Spüllösungen. Auch die Nutzung fluoridierten Speisesalzes ist sinnvoll, auch wenn die Forschung der letzten Jahre ergab, dass Fluoride vorwiegend lokal an der Zahnoberfläche präventiv wirksam werden.
Zum dritten besitzt die Ernährung eine Bedeutung: Der Verzicht auf süße Zwischenmahlzeiten bzw. Getränke ist eine wesentliche Forderung. Auch gilt es bei der Aufnahme saurer Speisen und Getränken zu beachten, dass die Mundhygiene nach frühestens 30–60 Minuten durchgeführt wird. Derzeit arbeitet der Berufsstand an Ernährungsempfehlungen im Kontext mit mundgesundheitlichen Aspekten.
Zum vierten ist die regelmäßige zahnärztliche Vorsorge und Individualprophylaxe ein wesentlicher Faktor zur Erhaltung der Mundgesundheit. Vorsorgeuntersuchungen sind in ihrer präventiven Ausrichtung nicht nur auf die Zahnhartsubstanz, sondern auf die gesamte orale Situation des Patienten auszurichten. Erkrankungen des Parodonts, der Mundschleimhaut sowie des craniomandibulären Funktionssystems sind Gegenstand von Früherkennungsmaßnahmen und rechtzeitiger Intervention.
Zukünftig wird die Betreuung alter und immobiler Patienten ein Schwerpunkt sein, wobei neben Verhaltens- und Verhältnisprävention hier besonders die Kooperationen mit den sozialen Fachberufen verstärkt wird.
Wie wichtig ist die Kommunikation zwischen Zahnärzten, Diabetologen, Hausarzt und anderen Fachkompetenzen? Wie sieht das Teamwork der Zukunft aus?
Unzweifelhaft wächst die Notwendigkeit intensiver Interaktion und Kommunikation zwischen Zahnärzten und ihren medizinischen Kollegen. So ist es sicherlich gegenwärtig schon keine Seltenheit, dass ein Zahnarzt wegen des Verdachts auf Diabetes mellitus zum Hausarzt überweist. Für eine breite Akzeptanz solcher Interaktionen auch bei der Gesundheitssystemgestaltung ist es dringend erforderlich, deren Stellenwert wissenschaftlich zu belegen. Denn das momentane Gesundheitssystem zieht gerade bei zahnärztlicher Überweisung zur medizinischen Therapie noch deutliche Grenzen. Die hier besprochenen Interaktionen zwischen Parodontitis und Stoffwechsel zeigen doch deutlich, dass der Abbau bürokratischer Hemmnisse Gesundheit und Lebensqualität steigern kann.
Herr Prof. Deschner, Herr Dr. Dommisch und Herr Dr. Oesterreich – danke für das Gespräch!
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