Wie würden Sie entscheiden?

Ein Plädoyer für die Haftcreme

Drucken Von Dr. Hans Sellmann    aktualisiert am 13.09.2010

Meine Vorbereitungsassistenten bekommen regelmäßig große Augen, wenn ich beinahe routinemäßig nach Unterfütterungen und sogar bei neuen Totalprothesen ein wenig Haftcreme auf die jungfräuliche Basis gebe, bevor ich sie in den Patientenmund einsetze. Immer wieder höre ich dann, das sei doch ein absolutes Tabu. Schließlich müsse man davon ausgehen, dass insbesondere eine neue Prothese ohne Haftcreme auskomme. Sonst werfe das ja kein gutes Licht auf das eigene zahnärztliche Können und das technische Know-how des Labors, mit dem man eng zusammenarbeite.

Ästhetisch schön – die neue Totalprothese. Aber auch funktionell?
Ästhetisch schön – die neue Totalprothese. Aber auch funktionell?

Haftcreme – immer ein Indiz für Insuffizienz?



Insofern sei Haftcreme im mehrfachen Sinne immer ein Indiz für Insuffizienz – der Prothese oder, schlimmer noch, Derjenigen, welche konturiert, abgeformt, registriert, aufgestellt und ausgearbeitet haben. Hier handele es sich um einen klaren Fall – die Haftcreme konterkariere die zahnärztliche und zahntechnische Expertise.

Ein Tabu, entstanden aus eigenem Anspruch, vorbei am Patientenbedarf



Abb. 1: Verbesserung der inzisalen Beißkraft (in Newton) um bis zu 50 % [4].
Abb. 1: Verbesserung der inzisalen Beißkraft (in Newton) um bis zu 50 % [4].
Fakt ist jedoch, dass unsere Patienten, oft sogar gegen unseren Rat, zur Haftcreme greifen, also nach eigenen Lösungen für ihre Bedürfnisse suchen. Lösungen wozu? Schließlich wurde unsere Prothetik doch so sauber gearbeitet! Richtig. Tatsächlich aber haben unsere Patienten neben dem reinen Halt noch mit anderen Problemen zu kämpfen, die wir oft außer Acht lassen: Krümel unter der Prothese, Unsicherheitsgefühle in der Öffentlichkeit, trockene Schleimhaut. Wir aber verziehen das Gesicht, wenn das Wort Haftcreme fällt.

Warum stehen wir Praktiker diesem Thema eigentlich so negativ gegenüber? Ich glaube
Abb. 2: Manch ein Kollege wünscht sich manchmal diese Zeiten zurück (Sauger- und Saugergummis sind aber, jedenfalls in Deutschland, zu recht nicht mehr erhältlich).
Abb. 2: Manch ein Kollege wünscht sich manchmal diese Zeiten zurück (Sauger- und Saugergummis sind aber, jedenfalls in Deutschland, zu recht nicht mehr erhältlich).
, weil wir auf der Uni das mechanistische Therapieren so vehement vermittelt bekamen: Wenn man eine Prothese nur korrekt und sorgfältig arbeitet, dann hält sie auch. Und: Nach einer sauber ausgeführten Unterfütterung gibt es keinen Spalt und keine Druckstellen. Der Unterdruck kommt ja von der perfekten funktionellen Abformung und Randgestaltung! Und dies wurde auch von der Öffentlichkeit so übernommen. Ich zitiere:
„Zahnärzte wie auch Kostenträger der Sozialversicherung gingen jahrzehntelang davon aus, dass auch Patienten mit ungünstigsten Prothesenlagern zufriedenstellend mit herausnehmbarem Zahnersatz zu versorgen wären, wenn nur die dazu notwendigen klinischen und technischen Arbeitsschritte korrekt durchgeführt würden. Diese Fehleinschätzung wurde von den betroffenen Patienten selbstverständlich übernommen. Mussten sie bei neuen Prothesen Haftmittel verwenden, galt ihnen dies als Zeichen einer mangelhaften Ausführung. Dieser Einschätzung folgten in der Regel auch die Kostenträger und oft auch die von ihnen beauftragten zahnärztlichen Gutachter.“ [2]
Dem Interessierten sei die Lektüre dieser Übersichtsarbeit unbedingt empfohlen. Sie ist erhältlich unter „Downloads zum Thema“.

Haftcremes im Test: bestanden!



Abb. 3: Der Gau der Prothetik: zahnloser UK, stark atrophiert, älterer und wenig adaptationsfähiger Patient, Sozialfall.
Abb. 3: Der Gau der Prothetik: zahnloser UK, stark atrophiert, älterer und wenig adaptationsfähiger Patient, Sozialfall.
Gehen wir also davon aus, dass die Prothese sorgfältig hergestellt worden ist. Aus unserer Praxis kommt also KEINE insuffiziente Prothese. Und dennoch kann es sinnvoll sein, den Patienten Haftcreme zu empfehlen und diese Empfehlung auch zu erklären, weil obiges Denken leider immer noch verbreitet ist.

Da kann dann auch schon mal der Verweis an die Stiftung Warentest sinnvoll sein, die hat nämlich auch Prothesenhaftmittel untersucht [5]; und dazu Einiges über die reinen Testergebnisse hinaus gesagt. Gut, wenn Sie diese Aussagen kennen und den Patienten gegenüber kommentieren können. Zitat:
„Mittlerweile gilt die Auffassung, dass gute Haftmittel generell die Haftung und den Tragekomfort des Zahnersatzes erhöhen, auch bei gut sitzenden Prothesen. Aus zahnärztlicher Sicht ist gegen die Verwendung von Haftmitteln nichts einzuwenden – sofern die Prothese und ihr Sitz regelmäßig vom Zahnarzt kontrolliert werden.“
Ausschluss von Speiseresten,
Abb. 4: Entsprechend marginal kann die totale UK-Prothese nur gestaltet werden, um sie nicht über zu extendieren.
Abb. 4: Entsprechend marginal kann die totale UK-Prothese nur gestaltet werden, um sie nicht über zu extendieren.
Haltverbesserung auch bei gut sitzenden Prothesen und die Vermeidung von Druckspitzen, die zu mechanischen Irritationen der Mundschleimhaut führen können – alles Argumente, die tatsächlich für die Haftcreme sprechen. Im Bericht der Stiftung Warentest finden sich entsprechende Hinweise:
„Haftcremes füllen den schmalen Spalt zwischen Gebiss und Zahnfleisch. Sie helfen so, den Unterdruck aufrechtzuerhalten, der wesentlich für den Halt der Prothese ist. Da sie flexibel sind, überbrücken sie den Spalt auch dann, wenn er sich zum Beispiel durch mechanische Beanspruchung beim Kauen vergrößert. Sie ermöglichen damit Essen und Sprechen, ohne dass das Gebiss „ins Schwimmen“ gerät. [...] Haftcremes schützen die empfindliche Mundschleimhaut außerdem vor Druckstellen und Reizungen und helfen zu verhindern, dass Speisereste unter die Prothese gelangen. Und ganz wichtig: Sie können sich positiv auf die Psyche auswirken. Denn eine gut sitzende Prothese steigert die Lebensqualität deutlich.“

Expertenmeinungen und Studienergebnisse



Ich konzediere, dass obige Aussagen für Laien gemacht wurden. Was aber sagen Experten auf dem Gebiet der Prothetik dazu? Auszugsweise möchte ich erneut den Kollegen Dr. Blankenstein zitieren:
„In Deutschland kaum zitierte und entsprechend
Abb. 5: Die „künstliche“, aber gesundheitlich unbedenkliche Hafthilfe …
Abb. 5: Die „künstliche“, aber gesundheitlich unbedenkliche Hafthilfe …
Abb. 6: … ist allemal besser als die mundgesundheitlich nicht gerade unbedenkliche „Biofilmhaftung“.
Abb. 6: … ist allemal besser als die mundgesundheitlich nicht gerade unbedenkliche „Biofilmhaftung“.
wenig beachtete Studien zeigten neben der eigentlichen Aufgabe, der Verbesserung der Haftkraft herausnehmbaren Zahnersatzes, noch weitere Vorteile:
Nach Applikation von Haftmitteln ist es den Patienten möglich, höhere Kaukräfte zu entwickeln [3, 8]. Psillakis et al. fanden bei Anwendung unter OK-Prothesen bei eigener Gegenbezahnung eine nahezu Verdopplung der erzielbaren Kaukraft, bei einer antagonierenden Totalprothese sogar eine Steigerung um 70 % [6]. Die höhere inzisale Kraft kann bis zu acht Stunden nach Applikation anhalten [4]. Haftmittelgebrauch ist bei sachgerechter Anwendung nicht mit Weichgewebsläsionen assoziiert. Stattdessen gleichen Haftmittel traumatisierende Kräfte sogar aus, was zu einer Reduktion mechanisch induzierter Schleimhautentzündungen führt [10]. Haftmittel verringern das Eindringen von Speisebrei in den Spalt zwischen Prothesenbasis und -lager [9].“

In der Eingewöhnungsphase haben Betroffene mit Unsicherheiten in Bezug auf ihre Beißkraft mit der noch ungewohnten neuen Prothese zu kämpfen. Der gezielte Einsatz von Haftmitteln als Hilfsmittel zur Adaptation vermittelt den Betroffenen das notwendige Maß an Sicherheit.

Studien ergaben, dass die „Beißkraft“ auf den Schneidezähnen bei alten und sogar noch etwas mehr bei neuen Prothesen mit Haftmitteln um 32 % höhere Werte erreicht. Dies ist eine deutliche Steigerung der mechanischen Belastbarkeit, besonders in der kritischen Frontzahnpartie. Zusätzlich helfen Haftmittel, das Prothesenlager, das heißt die Mundschleimhaut und den darunter liegenden Kieferknochen, zu schonen und die inzisale Beißkraft um bis zu 50 % zu verbessern (Abb. 1).

Lebensqualität im Fokus



Der Weg zur herausnehmbaren prothetischen Versorgung ist für unsere Patienten mit erheblichen emotionalen Einschnitten verbunden. Der Verlust der eigenen Zähne und die erste Prothetik berührt einer Studie [2] zufolge deutlich mehr als die Geburt eines eigenen Kindes (Tab. 1). Ein Ergebnis, das ich so kaum erwartet hätte!

Lebensereignismittlerer Punktwert
eigenes Kind ernsthaft erkrankt17,6
eigene(r) Lebenspartner(in) ernsthaft erkrankt16,9
erste eigene Prothetik12,0
Eintreten in den Ruhestand8,2
eigene Heirat8,0
Geburt des eigenen Kindes5,0
geringeres Einkommen1,3


Tab. 1: Emotionale Involvierung im Zusammenhang mit Zahnersatz: Auszug der Rangliste aus mittleren Punktwerten von Lebensereignissen aus einer Befragung von 232 Personen; nach Bergendal 1989 [2].

Gerade weil der Zahnverlust für Viele eine so traumatische Situation darstellt, ist das vertrauensvolle Gespräch zwischen Zahnarzt und Patienten wichtig. Mit unseren zahnlosen Patienten müssen wir über dieses Konglomerat aus Emotion und Physik reden! Was ist mit ihren Ängsten? Wird die Prothese auch in anspruchsvollen Situationen halten? Bedeutet die Prothese von nun an den Verzicht auf Körnerbrötchen, weil die feinen Krümel überall hängen bleiben und dann wie Sandpapier wirken? Prüfen Sie einmal nach einer perfekten Unterfütterung erneut die Kongruenz der Prothese – Sie werden sich wundern, wieviel Abformmasse da auf einmal wieder drunter passt.

Diese Punkte gelten sicherlich noch mehr für unsere Problempatienten, womit ich nicht nur die Patienten mit einem nach Strahlentherapie schlagartig verringerten oder gänzlich versiegten Speichelfluss meine. Viel verbreiteter ist der typische „Altersmix“ an Medikamenten mit seinem Einfluss auf die Speichelproduktion und -zusammensetzung. In meinem Buch „Der ältere multimorbide Patient in der Zahnarztpraxis“ [7] habe ich diese Problematik ausführlich beschrieben. Und da wäre noch eine weitere Patientengruppe: die Raucher. Jeder praktisch tätige Zahnarzt weiß, was ich meine, wenn ich von deren häufig sehr schmerzempfindlichen und „trockenen“ Prothesenlagern und ihrer schlechten, zwar zähflüssigen, dennoch aber wenig klebrigen Speichelkonsistenz spreche.

„Haftmittel? Pfui!“ – das war gestern. Ein Plädoyer für die Haftcreme



Bei Eingliederung einer neuen Totalprothese oder auch einer frischen Unterfütterung empfehle ich meinen Patienten für die Zeit der „Einlagerung“ durchaus auch die Anwendung einer geringen Menge Haftcreme. Die Dosis kann dann je nach Bedarf individuell verringert werden. Ich empfehle sehr häufig eine Haftcreme wie z.B. COREGA® Haftcreme, die es sowohl mit („frisch“) als auch ohne Minze („geschmacksfrei“) gibt, falls Ihr Patient etwas sensibel auf den heutzutage allgemein verbreiteten Mentholzusatz reagiert. Beide Produkte enthalten übrigens seit ihrer Neuauflage kein Zink mehr, das bei einer exzessiven Überdosierung in Einzelfällen zu neurologischen Ausfällen geführt haben soll.

Warum ich Haftcreme empfehle und dennoch meine zahnärztliche prothetische Arbeit dadurch nicht im Geringsten geschmälert sehe?
  1. Weil ich mit meinen Patienten spreche, ihnen die Hintergründe meiner Empfehlung erkläre und damit zeige, dass es mir nicht nur um den Halt der Prothese, sondern auch um ihre weiteren Bedürfnisse geht.

  2. Weil mir bis jetzt noch jeder Patient, dem ich sie empfohlen hatte, für zusätzliche Sicherheit und Lebensqualität dankbar war.

  3. Weil die Wissenschaft mittlerweile klar gezeigt hat, dass die Anwendung von Haftcremes – immer vorausgesetzt die Prothesen sind optimal gearbeitet und werden optimal gereinigt – sinnvoll ist. Insbesondere hinsichtlich Kaukraftverbesserung, Ausschluss von Speiseresten und Vermeidung mechanischer Druckspitzen ist die Datenlage sehr deutlich.

Die vom Zahnarzt ausgesprochene Empfehlung hat übrigens den Nebeneffekt, dass diese Produkte gezielt eingesetzt und dosiert werden. Sie verschwinden damit aus der „Schmuddelecke“ der heimlichen Anwendung. Ein dauerhaft übermäßiger Gebrauch von Haftmitteln deutet auf einen sehr schlecht sitzenden Zahnersatz hin. Das können wir im klärenden Gespräch dann verdeutlichen und damit den Sinn des regelmäßigen Besuchs unserer Praxis verdeutlichen.

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Fotostrecke
Abb. 1: Verbesserung der inzisalen Beißkraft (in Newton) um bis zu 50 % [4].   Abb. 2: Manch ein Kollege wünscht sich manchmal diese Zeiten zurück (Sauger- und Saugergummis sind aber, jedenfalls in Deutschland, zu recht nicht mehr erhältlich).   Abb. 3: Der Gau der Prothetik: zahnloser UK, stark atrophiert, älterer und wenig adaptationsfähiger Patient, Sozialfall.   Abb. 4: Entsprechend marginal kann die totale UK-Prothese nur gestaltet werden, um sie nicht über zu extendieren.   Abb. 5: Die „künstliche“, aber gesundheitlich unbedenkliche Hafthilfe …   Abb. 6: … ist allemal besser als die mundgesundheitlich nicht gerade unbedenkliche „Biofilmhaftung“.   Abb. 7: Produkte wie z.B. die neuen (zinkfreien) Präparate COREGA® Pro Rundumschutz in zwei Geschmacksvariationen helfen „sicher“.  


Literaturverzeichnis

[1] Bergendal B: The relative importance of tooth loss and denture wearing in Swedish adults. Community Dent Health 6, 103–111 (1989)
[2] Blankenstein F: Prothesenhaftmittel – viel benutzt und doch tabu? Zahn Prax 9, 346–354 (2006). www.zp-aktuell.de/haftmittel
[3] Fujimori T, Hirano S, Hayakawa I: Effects of a denture adhesive on masticatory functions for complete denture wearers – consideration for the condition of denture-bearing tissues. J Med Dent Sci 49, 151–156 (2002)
[4] Grasso JE, Rendell J, Gay T: Effect of denture adhesive on the retention and stability of maxillary dentures. J Prosthet Dent 72, 399–405 (1994)
[5] Plus an Lebensqualität, Gebisshaftcremes. test 2/2005, 31
[6] Psillakis JJ, Wright RF, Grbic JT, Lamster IB: In practice evaluation of a denture adhesive using a Gnathometer. J Prosthodont 13, 244–250 (2004)
[7] Sellmann H: Der ältere, multimorbide Patient in der Zahnarztpraxis. Bd. 1: Allgemeinerkrankungen mit zahnärztlicher Relevanz, Bd. 2: Alterszahnheilkunde konkret. Spitta Verlag, Balingen 2009
[8] Stafford GD, Russell C: Efficiency of denture adhesives and their possible influence on oral microorganisms. J Dent Res 50, 832–836 (1971)
[9] Tarbet WJ, Boone M, Schmidt NF: Effect of a denture adhesive on complete denture dislodgement during mastication. J Prosthet Dent 44, 374–378 (1980)
[10] Tarbet WJ, Grossmann E: Observation of denture-supporting tissue during six months of denture adhesive wearing. J Am Dent Assoc 101, 789–791 (1980)

Dr. Hans Sellmann

Langehegge 330

45770 Marl

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