Ästhetische Zahnheilkunde – Marketing oder Notwendigkeit?

Drucken Von Dr. Hans-Otto Bermann    aktualisiert am 22.11.2009

Die Ästhetische Zahnheilkunde hat in der letzten Dekade ihre Bemühungen verstärkt, als wissenschaftliche Querschnittsdisziplin wahrgenommen zu werden. Dieses Bemühen wurde mit der Aufnahme der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde (DGÄZ) in die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) belohnt, denn das bedeutet gleichzeitig die Anerkennung als wissenschaftliche Fachgesellschaft.

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Einerseits ist das eine große Ehre, andererseits hat es auch erhebliche Kritik hervorgerufen: „Ästhetik macht doch jeder Zahnarzt, jede Zahnärztin – dazu braucht es keine besondere Ausbildung, und Wissenschaft ist es schon gar nicht.“

Ganz so einfach ist es aber nicht. Gute Ästhetik verlangt hohe Kompetenz. Angefangen von der Ästhetikanalyse über die exakte Planung bis hin zur Ausführung, die wiederum Kenntnisse darüber erfordert, welche Materialien was ermöglichen. Immer verlangen solche Behandlungen auch außergewöhnliche handwerkliche Fähigkeiten von Zahnarzt und Zahntechniker. Sicher bemühen sich alle darum, dass die Menschen mit dem Aussehen ihres Zahnersatzes zufrieden sind. Ob dies allerdings von Erfolg gekrönt ist, hängt von vielen Imponderabilien ab. Da ist zunächst die Frage, was mein Patient sich individuell wünscht. Ist das hinreichend abgefragt und sehe ich mich in der Lage, diese Vorstellungen ohne Einbußen bei der Funktion zu erfüllen? Welche Materialien und Techniken ermöglichen gute und langfristig haltbare Ergebnisse? Angesichts der Vielfalt der heute angebotenen Möglichkeiten ist ein optimales Ergebnis sicher nur durch intensive Fort- und Weiterbildung zu sichern. Gerade weil die Ästhetische Zahnheilkunde eine Querschnittsdisziplin ist, verlangt sie Kenntnisse in fast allen Bereichen der oralen Medizin, weshalb die DGÄZ ein strukturiertes Fortbildungsprogramm entwickelte. Drei verschiedene Abschlüsse können in aufeinander aufbauenden Veranstaltungsserien erworben werden:
  1. Curriculum Ästhetische Zahnheilkunde in der Akademie Praxis und Wissenschaft – APW
  2. Masterstudiengang Zahnmedizinische Ästhetik und Funktion
  3. Prüfung zum „Spezialisten für Ästhetische Zahnheilkunde in der DGÄZ“

Das erfolgreich abgeschlossene Curriculum berechtigt zum Ausweisen des Tätigkeitsschwerpunktes „Ästhetische Zahnheilkunde“. Es wird in Teilen für den Masterstudiengang angerechnet. Der Masterstudiengang führt zum akademischen Titel MSc – Master of Science. Den höchsten Qualifikationsnachweis leisten die Kandidaten in der Prüfung zum „Spezialisten“. Neben wissenschaftlichen Kenntnissen weisen die Prüflinge auch herausragende praktische Fähigkeiten nach. Hier wird eine seriöse Antwort auf die Frage gegeben, was denn den ausgebildeten „Ästheten“ auszeichnet.  

Schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob ästhetische Zahnheilkunde, ob ästhetische Medizin grundsätzlich ethisch vertretbar ist. Immer wieder wird ernst zu nehmende Kritik an unserem Fach laut. An dieser Stelle möchte ich auf die Positionen von Prof. Dr. Giovanni Maio reagieren, dem Leiter des interdisziplinären Ethik-Zentrums an der Universität Freiburg:

„Mit der Ausrichtung auf Ästhetik
  • verstärkt die Zahnheilkunde die Defizitgefühle des modernen Menschen,
  • schafft die Zahnmedizin von sich aus eine neue Nachfrage,
  • läuft die Zahnheilkunde Gefahr, eine Ausbeutung verunsicherter Menschen vorzunehmen.

Die Ausrichtung der Zahnheilkunde an der Ästhetik wird eine Kultur der Oberflächlichkeit unterstützen. Eine Zahnheilkunde, die sich nur noch von Marktkategorien leiten lässt, wird keine Medizin, sondern nur noch Handwerk sein.“

Was führt denn zu der beklagten Ausrichtung? Die Industrie hat die Aufgabe, Umsatz und Gewinne zu generieren. Das gilt natürlich auch für die Dentalindustrie. Neue Techniken und Materialien werden entwickelt, um damit Geld zu verdienen. Das kann aber nur gelingen, wenn die Neuentwicklungen von der Industrie beworben werden. Damit erfährt die (interessierte) Öffentlichkeit, welche Möglichkeiten moderne Medizin bietet, auch welche Möglichkeiten moderne ästhetische Oralmedizin bietet. Natürlich werden diese Möglichkeiten auch nachgefragt, wenn eine Behandlung erforderlich wird. Insbesondere bei umfassender Beratung, die alle Behandlungsalternativen erläutern muss, wird auch Nachfrage erzeugt. Ist das unmoralisch? Ist es ethisch korrekter, dem Patienten, der Behandlung braucht, weil er krank ist, ästhetisch bessere Zahnheilkunde vorzuenthalten?

Ich bin überzeugt, dass das Angebot natürlich aussehender und ästhetischer Behandlungsergebnisse Defizitgefühle nicht verstärken kann, wenn auch das Gegenteil nicht immer erreicht werden wird. Dass neue Nachfrage entsteht, ist Sinn einer Innovation. Verwechselt wird hier nur das Motiv moderner Oralmedizin. Nicht die Gewinnmaximierung steht im Vordergrund, sondern das bestmögliche Ergebnis für die Menschen, deren Wunsch das ist. Kein seriöser Mediziner wird einem Patienten „etwas verkaufen“, was er gar nicht will. Deswegen kann unter ethisch korrekten Bedingungen keine Ausbeutung stattfinden. Und „Kultur der Oberflächlichkeit“? Werden hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt? Sicher können Behandlungswünsche ein Hinweis auf ein oberflächliches Kulturverständnis sein. Es ist aber recht unwahrscheinlich, dass auch nur ein einziges als oberflächlich zu verstehendes Individuum weniger oberflächlich wäre, wenn es keine ästhetische Oralmedizin gäbe.

Mit dem letzten Kritikpunkt bin ich absolut einverstanden! Es ist aber nicht korrekt, eine ganze Fachdisziplin in Sippenhaft zu nehmen, weil einige Vertreter des Faches Schindluder damit treiben. Dass die Mehrheit der Zahnärzteschaft unethisch und unseriös handelt, bestreite ich vehement!

Ästhetische Zahnheilkunde wird nur sehr selten als alleinige Leistung nachgefragt. Fast immer wird ein solcher Wunsch im Zusammenhang mit einer klassisch indizierten Behandlung zur Verbesserung des Behandlungsergebnisses geäußert. In diesem Zusammenhang ist der Vorwurf unethischen Verhaltens sicher nicht gerechtfertigt!

Wenn ich gefragt werde, wie wir uns verhalten sollen, um solcher Kritik aus dem Weg zu gehen, bin auch ich etwas ratlos. Es kann hier keine am Einzelfall orientierte Anleitung geben. Als allgemeingültigen Rat kann ich hier nur auf Kant verweisen:

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ (§7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft)

Mit diesem „kategorischen Imperativ“ hat Kant versucht, eine universelle Anweisung für ethisch korrektes Handeln zu geben. Immer dann, wenn wir unser eigenes Handeln kritisch betrachten, werden wir uns auch mit diesem Imperativ befassen müssen, selbst dann, wenn wir den Wortlaut nicht kennen.

Natürlich gibt es Defizite in der Ästhetischen Zahnheilkunde wie in der Oralmedizin überhaupt:

Wir haben es in der Vergangenheit weitgehend versäumt, den wissenschaftlichen Nachweis darüber zu führen, dass orale Medizin notwendige Prävention und Therapie ist, oder mit anderen Worten, dass wir hier mit „Krankheit“ umgehen. Bisher gingen wir davon aus, dass dies eine Selbstverständlichkeit sei. Ist es aber leider nicht. Die Versorgungsforschung hinterfragt zunehmend solche Notwendigkeiten und hat der Kieferorthopädie schon bescheinigt, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für ihre Notwendigkeit gibt.

Auch deswegen hat die DGÄZ zusammen mit der Universität Mainz und der Schmerzklinik Mainz eine wissenschaftliche Untersuchung zur Notwendigkeit der Ästhetischen Zahnheilkunde auf den Weg gebracht. Es soll mit den Mitteln der Psychologie untersucht werden, ob Ästhetikdefizite als Krankheit zu verstehen sind und ob die Ästhetische Zahnheilkunde eine geeignete Therapie anbieten kann oder ob hier die Psychotherapie helfen kann und muss.

Wenn es möglich ist, qualitativ und quantitativ relevante Aussagen zu machen, wird dies die Diskussion um die Notwendigkeit der Ästhetischen Zahnheilkunde endlich zu einem Ergebnis führen. Wir sind sehr gespannt, wie dieses Ergebnis aussehen wird.

Hier finden Sie die Replik von Prof. Dr. Maio

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