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Zahnmedizinstudium in Österreich – gestern und heute
DruckenDa sich in Deutschland derzeit eine rege Diskussion über die Änderung der Approbationsordnung und die damit verbundene Erhöhung der allgemeinmedizinischen Lehrinhalte im Zahnmedizinstudium entwickelt, kann ein Blick über die Grenzen ganz interessant sein: Die Österreicher blicken ja mittlerweile auf langjährige Erfahrungen mit zwei gänzlich unterschiedlichen Studiensystemen zurück. Wir baten deshalb eine echte Insiderin, uns von diesen Erfahrungen zu berichten. Frau Prof. Ingrid Grunert wurde 1981 zum „Doktor der gesamten Heilkunde“ promoviert. Sie ist seit 1999 Leiterin der Prothetischen Abteilung und seit 2005 dazu Vorstand der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Innsbruck. Sie selbst absolvierte den „alten“ Studiengang und bildet ihre Studenten inzwischen seit zwölf Jahren im „neuen“ System aus.
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Der Hauptgrund für die Änderung der Studienordnung war die vor ca. 20 Jahren erfolgte Neupositionierung Österreichs in Europa mit dem EWR-Vertrag sowie dem Beitritt zur EU, die uns verpflichteten, das Zahnmedizinstudium an die Europäischen Gegebenheiten anzupassen.
In meiner Generation mussten in Österreich noch alle angehenden Zahnmediziner das vollständige Medizinstudium absolvieren, an das sich zunächst eine zweijährige und ab 1996 eine dreijährige Facharztausbildung anschloss. In vielen Fällen war es nicht möglich, unmittelbar nach der Promotion mit der Facharztausbildung zu beginnen. In der oft mehrjährigen Wartezeit arbeitete man in verschiedenen Bereichen der Medizin, in denen gerade eine Stelle verfügbar war (z.B. Chirurgie). Das führte dazu, dass manche verzögert die gewünschte zahnärztliche Ausbildung beginnen konnten, sich aber in der Zwischenzeit profunde allgemeinmedizinische Kenntnisse aneigneten.
Gerade diese Situation wurde von unseren Politikern als Hauptargument für die Änderung der zahnärztlichen Ausbildung herangezogen, dass nämlich die österreichischen Zahnärzte in Europa durch die längere Ausbildungsphase einen deutlichen Wettbewerbsnachteil hätten.
Ein weiteres politisch motiviertes Argument war die gewünschte deutliche Kostenreduktion, einerseits durch die Verkürzung der Ausbildungszeit und andererseits durch den Wegfall der Entlohnung. Da die Ausbildung früher ja postpromotionell war, erhielt jeder Auszubildende ein wenn auch nicht üppiges, aber doch entsprechendes Gehalt, welches beim heutigen Zahnmedizinstudium vollständig wegfällt.
Seit dem 01.10.1998 gibt es in Österreich ein 12-semestriges Diplomstudium der Zahnmedizin. Aus unseren Erfahrungen ist uns nun ein Vergleich mehrerer Jahrgänge möglich. Von universitärer Seite wurde die Studienänderung unterschiedlich gesehen, von manchen begrüßt, von anderen vehement abgelehnt. Eine Evaluation, bei der die Schwächen des bestehenden Ausbildungssystems aufgedeckt würden, hat bisher nicht stattgefunden.
Es gibt in Österreich für Medizin und Zahnmedizin drei staatliche Universitäten: Wien, Graz und Innsbruck. Bei der Erstellung der neuen Studienpläne kam es zu der kuriosen und nicht nachvollziehbaren Situation, dass sich alle drei Universitäten eigene, untereinander nicht kompatible Studienpläne gaben. Damit ist der Wechsel zwischen den österreichischen Universitäten de facto nicht möglich, es sei denn, man toleriert einen erheblichen Zeitverlust.
In Innsbruck ist der erste, sechssemestrige (!) Studienabschnitt gemeinsam mit den Humanmedizinern zu absolvieren. Dem vergleichbar sind die momentanen Pläne für Deutschland, dort allerdings nur über vier Semester. Wir haben uns also bemüht, in Innsbruck so viel Medizin wie möglich für die Zahnmediziner zu „retten“. Dem ersten Studienabschnitt, der dem Physikum in Deutschland entspricht, schließen sich sechs zahnmedizinisch-klinische Semester an, bei denen im Wesentlichen die Lehrinhalte der ursprünglichen dreijährigen Facharztausbildung übernommen wurden.
Dabei finden im ersten klinischen Semester die Phantomkurse statt. Es ist uns ein großes Anliegen, die Studierenden möglichst früh mit der Patientenversorgung zu konfrontieren, was ab dem zweiten klinischen Semester erfolgt. Dabei besteht ein integrativer Unterricht, in dem jeder Patient von seinem Behandler durch Prophylaxemaßnahmen, restaurative Versorgungen bis hin zu prothetischen Arbeiten geführt wird. Im Gegensatz zu früher, als Dissertationen selten waren, muss heute jeder Studierende zum Abschluss eine Diplomarbeit verfassen.
Anders als in Deutschland haben wir einen ganzjährigen klinischen Betrieb ohne Semesterferien. Dies führt dazu, dass unsere Absolventen im Allgemeinen deutlich mehr Leistungen am Patienten erlernen können. Immer wenn sich bei uns frisch examinierte Zahnmediziner aus Deutschland um eine Assistentenstelle bewerben, werden in den Bewerbungsgesprächen Unterschiede insbesondere in der Quantität sowohl konservierender als auch prothetischer Leistungen offensichtlich. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass bei uns das Zahnmedizinstudium zwei Semester länger dauert als in Deutschland.
Im Vergleich zum früheren ist das heutige österreichische Zahnmedizinstudium sicher etwas schmalspuriger geworden. Dagegen sind unsere therapeutischen Möglichkeiten in den letzten Jahren immer komplexer geworden. Ebenso wie in Deutschland gab es früher die Parodontologie, Vollkeramikrestaurationen, Implantologie, CAD/CAM-Technik bestenfalls nur ansatzweise. In diesen Bereichen wäre eine vertiefte Ausbildung wünschenswert, diese ist aber oft aus Zeitgründen weder theoretisch noch praktisch durchführbar.
Eine spürbare Veränderung ergab sich hinsichtlich des Umgangs und der Einstellung der Studierenden zum Patienten. Man merkt deutlich, dass die Studenten mehrheitlich keine Ärzte sind. Während früher das Engagement für die Gesamtbedürfnisse des Patienten viel größer war, wird der Patient heute mehr als Lehrobjekt gesehen und notwendige Behandlungen oft sinnlos prolongiert, weil man eine bestimmte Leistung vielleicht nicht mehr benötigt. Auch der Wille der Studierenden, schwierige Patienten zu übernehmen, ist gesunken. Ob damit die Vorbereitung für die eigene Praxis ausreichend ist, ist fraglich.
Dies ist umso gravierender, als man in Österreich nach Abschluss des Studiums sofort eine Niederlassungsberechtigung erhält. Ein verpflichtendes Praxisjahr, in dem Defizite der studentischen Ausbildung unter Supervision eines erfahrenen Kollegen ausgeglichen werden können, ist bei uns derzeit nicht vorgesehen.
Man ist oft geneigt zu sagen, früher sei alles besser gewesen. Wenn ich die zahnärztliche Ausbildung in Österreich betrachte, dann ist sie aus meiner Sicht früher tatsächlich besser gewesen. Nach Beendigung der Ausbildung war man viel eher als heute fähig, den zahnärztlichen Beruf auszuüben. Allerdings war die Zahnmedizin in der damaligen Zeit doch weniger komplex als heute.
Es ist mit keinem bestehenden Ausbildungskonzept möglich, alle von außen an das Zahnmedizinstudium gestellten Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen. Nämlich ein möglichst kurzes Studium, bei dem aber alle Fachbereiche vollständig gelehrt werden, mit einer möglichst praxisnahen zahnärztlichen Ausbildung zu verbinden und dieses gleichzeitig mit möglichst vielen medizinischen Inhalten zu verknüpfen.
Ich halte den mit der in Deutschland vorgesehenen neuen Approbationsordnung geplanten Weg für den derzeit besten Kompromiss. Die rein handwerklichen Fähigkeiten allein zu beherrschen, ist nicht mehr ausreichend, um schwierige Patienten adäquat versorgen zu können, und diese wird es in Zukunft durch die demographische Entwicklung immer häufiger geben. Möglichst viel medizinisches Wissen ist sicher hilfreich, um für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet zu sein.



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