Biofunktionelle Therapie (BFT) – ein neuer Zugang zur Behandlung orofazialer Dysfunktionen – Teil 2

Drucken Von Prof. Dr. Dr. Wilfried Engelke    aktualisiert am 03.11.2009

Vakuumaktivator in situ (Membran vorgewölbt) und aktiviert (Membran eingezogen).
Vakuumaktivator in situ (Membran vorgewölbt) und aktiviert (Membran eingezogen).

 

Bedeutung des biofunktionellen Modells für die Praxis



Es liefert eine biomechanische Erklärung für die Herstellung eines Äquilibriums für die Zeit des geschlossenen Ruhezustandes auf der Basis des Kompartimentschlusses, d.h. auf einer nicht neuromuskulären Basis, und ergänzt somit die von Proffit formulierte Äquilibriumtheorie.

Nach diesem Modell
  • bietet die geschlossene Ruhelage für die respiratorische Funktion in Ruhe einen optimalen Zustand,
  • lässt sich eine geschlossene Ruhelage als Resultat des Schluckvorganges darstellen,
  • stellt nutritives Saugen einen physiologischen Vorgang dar, der therapeutisch hilfreich sein kann, wenn hierdurch der Schluss der Funktionsräume an typischer Stelle nicht behindert wird,
  • kann die Struktur von Geräten abgeleitet werden, die eine Trennung, Öffnung oder den Schluss der Funktionsräume unterstützen, um bestimmte Malokklusionsformen wie frontal offener Biss, transversale Entwicklung etc. zu behandeln,
  • kann abgeleitet werden, dass der Zustand der Kompartimente Einfluss auf die Belastungssituation der Kiefergelenke hat.

Grundübungen mit dem Vakuumaktivator



Die Übungen mit dem Vakuumaktivator (Abb. 4) bestehen aus folgenden Schritten:
  1. Einsetzen des Gerätes in den Mundvorhof: Die Membran ist nicht eingezogen und beim Versuch der Atmung durch den Mund beweglich (Einstiegsbild links).

  2. Sammeln von Speichel und Schlucken: Die Membran zieht sich unter der Unterdruckbildung während des Schluckaktes ein (Einstiegsbild rechts).

  3. Atmen durch die Nase bei eingezogener Membran (Einstiegsbild rechts)

  4. Beobachten der Membran und der Atmung mit dem Ziel, die vorgesehene Übungszeit mit Unterdruck einzuhalten

  5. Bei erkennbarer Vorwölbung der Membran erneutes Schlucken und Wiederholung des Vorgangs, Ausdehnung der Übungszeit, nur bei Tendenz zu Luftnot Übergehen zur Atmung durch den Mund

  6. Besprechung des Übungsablaufes mit dem Therapeuten

Behandlung der Mundatmung



Abb. 4: Lippenstück und Mundvorhofplatte des Vakuumaktivators.
Abb. 4: Lippenstück und Mundvorhofplatte des Vakuumaktivators.
Die Therapie mit dem silencos-Gerät (Fa. bredent) besteht in der Einübung eines kontrollierten geschlossenen Zustandes der Mundhöhle mit ausschließlicher Nasenatmung. Sie ist insbesondere bei Kindern indiziert, bei denen trotz abgeschlossener HNO-ärztlicher Therapie von Adenoiden oder Tonsillenhypertrophie eine habituelle Komponente der Mundatmung persistiert. Biofunktionelle Übungen (das Einüben der geschlossenen Ruhelage) sichern eine Position der Zunge am Gaumen und unterstützen den schon genannten dreifachen Mundschluss. Während etwa zehnminütiger Übungen im Behandlungsstuhl kann durch die Beobachtung der Membran des Vakuumaktivators überprüft werden, ob eine habituelle oder organische Störung der Nasenatmung vorliegt. Dies wird erforderlichenfalls durch eine manometrische Untersuchung der Ruhelage ergänzt.
Abb. 5a: Vakuumaktivator mit Zungenführung.
Abb. 5a: Vakuumaktivator mit Zungenführung.
Die Manometrie zeichnet Störungen bzw. Unterbrechungen der Übungen auf und erlaubt es, den richtigen Druck bei der Übung zu ermitteln. Der Vakuumaktivator geht dabei wesentlich über die Funktion einer Mundvorhofplatte hinaus, da er als Feedback-Instrument für die korrekte Ausführung der Übung wirkt. Damit wird der von außen nicht diagnostizierbare Zustand der Funktionsräume erkennbar und eine klinisch inapparente Gemischtatmung während der Übung sicher vermieden. Die häuslichen Übungen sollten möglichst in Ruhezeiten erfolgen und eine tägliche Dauer von zwei Stunden nicht unterschreiten.
  • Zielparameter: geschlossener Funktionsraum 1 (Interokklusaler Raum)
  • Übungen: Zungenrepositionsmanöver, Diagnostik mit Druckmonitoring
  • Klinische Kontrolle: Druckindikator Vakuumaktivator bzw. Langzeitmanometrie

Behandlung der interdentalen oder kaudalen Zungenlage



Abb. 5b: Vakuumaktivator mit Zungenführung in situ.
Abb. 5b: Vakuumaktivator mit Zungenführung in situ.
Zungenlagestörungen werden biofunktionell nicht isoliert gesehen, sondern als Symptom einer unvollständigen Kompartimentbildung mit insuffizientem linguo-palatinalem Verschluss, häufig in Verbindung mit halboffenen oder offenen intraoralen Kompartimenten. Die Therapie erfolgt grundsätzlich erst nach der Stabilisierung der Nasenatmung. Dann ist es sinnvoll, das Zungenrepositionsmanöver im Sinne eines differenzierten Kompartimentschlusses zu trainieren. Bei einmal bestehender interdentaler Zungenposition erfolgt jedoch die Trennung der Kompartimente interokklusal und palatinal oft nicht sofort. Deshalb ist der Vakuumaktivator im zweiten Therapieschritt mit einer geeigneten Zungenführungshilfe aus weichbleibendem Material zu versehen, was die interdentale Einlagerung sicher verhindert und die Bildung zweier separater Funktionsräume unterstützt. Die Zungenführungshilfe wird erst dann entfernt, wenn der Biss geschlossen ist und eine sichere Anlagerung mit Verschluss des linguo-palatinalen Ventils erfolgen kann. Eine Kontrollmöglichkeit besteht durch zweikanalige Manometrie. Um die Übungen zu erleichtern, kann die Zungenführungshilfe auch mit einem Sauger verbunden werden. Über Aufbisse im Seitenzahnbereich kann eine Öffnung okklusaler Fehlstellung erfolgen; hierfür sind am Vakuumaktivator Retentionszonen vorgesehen.
  • Zielparameter: geschlossene Funktionsräume 1 und 2, Zungenposition in Kontakt mit Hart- und Weichgaumen
  • Übungen und Therapiemittel: Vakuumaktivator mit Zungenführung, Zungenrepositionsmanöver, Langzeitübungen, nächtliches Tragen des Gerätes
  • Klinische Kontrolle: Kompartiment 1: Druckindikator Vakuumaktivator, Druckmonitoring, Kompartiment 2: gerätemechanische Sicherung
  • Option Spieltherapie: Die unter 1 und 2 genannten Übungen am Tage können durch spieltherapeutische Maßnahmen unterstützt werden. Es gelten dieselben Zielparameter und Kontrollempfehlungen.

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Biofunktionelle Therapie (BFT) – ein neuer Zugang zur Behandlung orofazialer Dysfunktionen – Teil 3

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Abb. 4: Lippenstück und Mundvorhofplatte des Vakuumaktivators.   Abb. 5a: Vakuumaktivator mit Zungenführung.   Abb. 5b: Vakuumaktivator mit Zungenführung in situ.  


Literaturverzeichnis

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