Biofunktionelle Therapie (BFT) – ein neuer Zugang zur Behandlung orofazialer Dysfunktionen – Teil 1

Drucken Von Prof. Dr. Dr. Wilfried Engelke    aktualisiert am 02.11.2009

Das orofaziale System ist ein Organ mit zwei wesentlichen Aktivitäten: der biologisch-physiologischen Funktion bei Nahrungsaufnahme und Atmung (Saugen, Schlucken, Kauen sowie Atmen im Wachzustand und im Schlaf) sowie der kommunikativen Funktion durch Lautbildung und Mimik. Hinzu kommen sensorische und sensible Funktionen. Insbesondere den biologischen Funktionen wird großer Einfluss auf die Entwicklung und den Strukturerhalt des dentoalveolären Systems zugeschrieben. In neuerer Zeit rückt die respiratorische Funktion im Zusammenhang mit schlafbezogenen Atemstörungen neben gewohnheitsmäßigen Störungen der orofazialen Haltung (engl: posture) und Auffälligkeiten des Schluckens zunehmend in den Interessenfokus der zahnmedizinischen Forschung [14].

Vakuumaktivator in situ (Membran vorgewölbt) und aktiviert (Membran eingezogen).
Vakuumaktivator in situ (Membran vorgewölbt) und aktiviert (Membran eingezogen).


Da Saugen, Schlucken und Atmen die ontogenetisch ältesten Funktionen des Individuums sind, haben sie im Vergleich zu den später auftretenden kommunikativen und kaufunktionellen Aktivitäten für die Entwicklung des Organsystems besondere Bedeutung.

Neben den unmittelbaren Störungen der o.g. Funktionen zeigen sich aus zahnmedizinischer Sicht vor allem zwei Problemfelder:
  1. die Bildung eines funktionellen Gleichgewichtes während der Zahnentwicklung zur Vermeidung von Malokklusionen

  2. die Stabilisierung des orofazialen Systems während des Schlafes zur Vermeidung obstruktiver Apnoen sowie des Schnarchens

Beide betreffen die Phase, in der sich das orofaziale System „in Ruhe“ befindet, also keine kaufunktionellen oder kommunikativen Funktionen ausgeführt werden müssen.

Funktionelles Gleichgewicht und myofunktionelle Störungen



Abb. 1: Das orofaziale System in der Äquilibriumtheorie in Anlehnung an Proffit [15].
Abb. 1: Das orofaziale System in der Äquilibriumtheorie in Anlehnung an Proffit [15].
Nach Proffit [15] ist der Zahnapparat gut an kurzzeitig wirkende Kräfte (typischerweise unter 1 Sek.) beim Sprechen und Schlucken adaptiert. Dagegen führen lang einwirkende Kräfte regelmäßig zu strukturellen Veränderungen. Demzufolge kommt im Rahmen einer Beeinflussung der Zahnentwicklung dem „funktionslosen“ Ruhezustand, in dem „nur“ geatmet wird, eine wesentliche diagnostische und therapeutische Bedeutung zu.

In seiner Äquilibriumtheorie postuliert Proffit [15], dass peri- und intraorale Weichgewebe für die gesunde Zahnentwicklung in einem Gleichgewicht stehen müssen. In Abb. 3 ist dieses Modell der Gleichgewichtstheorie dargestellt: Es zeigt ein dentoalveoläres System
Abb. 2: Funktionskompartimente des orofazialen Systems: 1 interokklusaler Raum , 2 subpalatinaler Raum, 3 mesopharyngeales Kompartiment, 4 nasoepipharyngeales Kompartiment.
Abb. 2: Funktionskompartimente des orofazialen Systems: 1 interokklusaler Raum , 2 subpalatinaler Raum, 3 mesopharyngeales Kompartiment, 4 nasoepipharyngeales Kompartiment.
im Kräftefeld zwischen äußeren Weichteilen (Lippen und Wangen) und innerem Funktionskreis (Zunge). Dabei soll allerdings die Zungenkraft für ein erhebliches Ungleichgewicht sorgen, was der Theorie der Gleichgewichtsentwicklung auf rein myogener Basis zunächst widerspricht. Die myofunktionelle Therapie (MFT), seit den1980er Jahren in Deutschland verbreitet und in verschiedenen Varianten bis heute praktiziert, beruht im Wesentlichen auf der Schaffung eines Ausgleichs der muskulären Ursachen für Funktionsstörungen und der Aktivierung spezieller orofazialer Muskelgruppen. Äußerer und innerer Funktionskreis sollen durch Übungen in ein erwünschtes Gleichgewicht geführt werden. Bisher gibt es allerdings aus dem Kreis der myofunktionell tätigen Therapeuten keine schlüssige Theorie für die Ruhelage, die über eine Behandlung inadäquater Muskelaktivität hinausgeht. Es fehlen vor allem detaillierte Vorstellungen davon, wie die myogen ausgelösten Positionen der Weichgewebe in Ruhe beibehalten werden können.

Zum orofazialen System gehört als integraler Bestandteil der nasale und pharyngeale Luftweg, der in vielfacher Wechselwirkung mit den oralen Strukturen steht.
Abb. 3a und b: Funktionseinheiten und funktionelle Verschlüsse des orofazialen Systems [8].
Abb. 3a und b: Funktionseinheiten und funktionelle Verschlüsse des orofazialen Systems [8].
Abb. 3b
Abb. 3b
Für die Beeinflussung dieser beiden Faktoren bietet die myofunktionelle Therapie praktisch keine diagnostische und therapeutische Hilfe an, die auf objektivierbaren Zielparametern beruht.

Der oropharyngeale Luftweg ist anatomisch sehr komplex, er muss einerseits den Schluckvorgang und andererseits die Respiration unterstützen. Daraus resultiert eine multifunktionale Struktur, die mit einer erheblichen Variation der Wandbewegungen des Pharynx, der Zunge und des Gaumensegels verbunden ist. Der verzweigte Luftweg kann deshalb bezüglich seiner biofunktionellen Gestalt eine rein nasale Atmung unterstützen, eine so genannte Gemischtatmung oder (selten) eine reine Mundatmung. Die letzten beiden Zustände begünstigen die Geräuschbildung und den Kollaps des Pharynx beim Atmen, wohingegen eine ausschließliche Nasenatmung eher geräuscharm abläuft. Problematisch ist auch die in Rücken-Schlaflage nicht seltene Rückverlagerung der Zunge, die bekanntlich beim bewusstlosen Patienten zum Tode führen kann. Hier existieren mit den Protrusionsschienen bereits Verfahren, mit denen der Zahnarzt unmittelbar auf den Luftweg Einfluss nehmen kann. Eine biofunktionelle Betrachtung des orofazialen Systems muss also die pharyngealen Funktionen mit einschließen. Dies kann z.B. orientierend durch klinische Testverfahren geschehen. Eine klinisch bewährte Untersuchungsmethode ist der 3-Stufen-Test. Er erlaubt es, unter den Bedingungen von Mundöffnung, Mundschluss und Protrusion die Geräuschbildung beim willkürlichen Schnarchen zu diagnostizieren und daraufhin eine geeignete Behandlung auszuwählen.

Das biofunktionelle Modell



Die interdisziplinäre Sichtweise bei der Behandlung des instabilen Luftweges beim Schnarchen hat nun zu einem neuen Ansatz für Diagnostik und Therapie orofazialer Fehlfunktionen geführt, der über die ursprüngliche Zielgruppe der Rhonchopathie-Patienten weit hinausgeht. Unsere Arbeitsgruppe stellte 2003 das Zungenrepositionsmanöver zur Therapie des primären Schnarchens vor. Es bezieht sich auf das Konzept des dreifachen Mundschlusses nach Fränkel. Durch Entwicklung eines neuen biofunktionellen Modells des orofazialen Systems [8] konnte das von Fränkel und anderen bereits im Kern beschriebene Konzept auf eine umfassendere theoretische Basis gestellt werden. Das biofunktionelle Modell geht von Funktionseinheiten, Funktionsräumen (Kompartimenten) und funktionellen Verschlüssen aus, die in den bisherigen Theorien nur ansatzweise und funktionsspezifisch (z.B. sprechmotorisch) formuliert wurden. Dabei spielt der Zustand der Funktionskompartimente eine zentrale Rolle. Angestrebt wird beim Atmen ein geschlossener Ruhezustand mit labialem, linguo-palatinalem und linguo-velarem Verschluss, ein Zustand, der bereits von Fränkel [9] experimentell dargestellt wurde.

Die oralen Kompartimente haben unter hydromechanischen Bedingungen einen vollständigen Verschluss in Ruhe zu unterstützen („dreifacher Mundschluss“), das pharyngeale Kompartiment nimmt eine komplexe Doppelfunktion wahr und das Kompartiment 4 dient ausschließlich respiratorischen Funktionen.

Die biofunktionelle Theorie nimmt an, dass sich durch die Bildung zweier geschlossener Funktionsräume im interokklusalen und subpalatinalen Bereich bei gleichzeitiger Bildung dreier funktioneller Verschlüsse im Lippenbereich (V1), Zungen-Hartgaumen-Bereich (V2) und Velum-Zungen-Bereich (V3) ein Kräftegleichgewicht einstellt, welches Ungleichgewichte der beobachteten Maximalkräfte von Zungen und Lippen kompensieren kann. Voraussetzung ist eine kontrollierte Schlussfunktion der orofazialen Strukturen. Somit kommt dem Training und der Kontrolle dieser Mechanismen eine entscheidende Rolle zu.

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Biofunktionelle Therapie (BFT) – ein neuer Zugang zur Behandlung orofazialer Dysfunktionen – Teil 2

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Abb. 1: Das orofaziale System in der Äquilibriumtheorie in Anlehnung an Proffit [15].   Abb. 2: Funktionskompartimente des orofazialen Systems: 1 interokklusaler Raum , 2 subpalatinaler Raum, 3 mesopharyngeales Kompartiment, 4 nasoepipharyngeales Kompartiment.   Abb. 3a und b: Funktionseinheiten und funktionelle Verschlüsse des orofazialen Systems [8].   Abb. 3b  


Literaturverzeichnis

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[2] Eckert Möbius A: Die Bedeutung der Zunge für die Nasen- und Mundatmung. Fortschr Kieferorthop 14, 229–239 (1953)

[3] Engelke W: Ein Manöver zur Positionierung der Zunge am Gaumen. Sprache Stimme Gehör 27, 171–175 (2003)

[4] Engelke W, Mendoza M, Repetto G: Preliminary radiographic observations of the tongue repositioning manoeuvre. Eur J Orthod 28, 618–623 (2006)

[5] Engelke W, Petersen C, Müller C: Elektromagnetische Untersuchungen zur Physiologie oropharyngealer Schluckbewegungen. Sprache Stimme Gehör 19, 105–113 (1995)

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[7] Engelke W, Hoch G, Bruns T, Striebeck M: Simultaneous evaluation of articulatory velopharyngeal function under different dynamic conditions with EMA and videoendoscopy. Folia Phoniatr Logop 48, 65–67 (1996)

[8] Engelke W: Systematische Rhonchopathiebehandlung in der zahnärztlichen Praxis. Cuvillier Verlag, Göttingen 2007

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