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Eine weißliche Veränderung am Zungenrand. Welche Diagnose, welche Differenzialdiagnosen? – Teil 1
DruckenFür weißliche Veränderungen der Mukosa sind die diagnostischen Überlegungen zur Frage »Oraler Lichen planus oder orale Leukoplakie?« dargelegt. Aufgrund der morphologischen Variationsbreite treten manchmal sehr ähnliche klinische Bilder auf, deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede betrachtet werden. Klinische Merkmale, die Erkennen und Abgrenzung beider Mundschleimhautveränderungen erleichtern, werden beschrieben und infrage kommende Differenzialdiagnosen aufgeführt. In die Betrachtung einbezogen ist ein in Zahnarzt & Praxis (3/2009) publizierter klinischer Fall einer weißlichen Veränderung der Zunge.

Abb. 1: Weißliche Schleimhautzeichnung der Zunge. Muster aus linien- und punktförmigen Epithelveränderungen.
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Klinischer Befund (Abbildung 1)
Bei der Untersuchung fällt der Blick auf eine weißliche Schleimhautveränderung des Zungenrandes, die leicht erhaben und nicht abwischbar ist. Das klinische Bild zeigt ein Muster aus feinen mattweißlichen Linien und einzelnen weißen Punkten (Abb. 1). Der Patient ist Nichtraucher und nimmt keinerlei Medikamente ein. Gelegentlich treten leichte Beschwerden beim Essen auf, die sich als Schleimhautbrennen äußern.
Diagnose (Abbildung 1)
Es handelt sich um einen oralen Lichen planus in retikulärer und papulärer Form.
Für die Diagnose wegweisend sind die weiße Streifenzeichnung (Wickham'schen Streifen) sowie die weißen punktförmigen Effloreszenzen. Retikuläre und papuläre Form bilden hier gemeinsam das weißliche Muster. Die fein gezeichneten mattweißlichen Streifen sind das charakteristische Merkmal der retikulären Form, während die kleinen punktförmig verteilten Effloreszenzen der papulären Form des Lichen entsprechen. Papuläre und retikuläre Form sind die klinischen Formen des oralen Lichen planus mit dem geringsten Schweregrad [1]. Eine Gewebeprobe aus einem repräsentativen weißlich veränderten Bereich wurde histopathologisch untersucht und die Diagnose Lichen planus bestätigt.
Oraler Lichen planus oder orale Leukoplakie? Überlegungen zu einem anderen Fall
In einem vorgestellten Fall von Dr. J. Schiffer [2] in der Juni-Ausgabe von Zahnarzt & Praxis ist eine weißliche Veränderung des Zungenrandes mit einem ähnlichen klinischen Erscheinungsbild gezeigt wie im obigen Eingangsbild (Abb. 1) beschrieben. Die gestellten Diagnosen sind jedoch verschieden, bei Dr. Schiffer »orale Leukoplakie«, hier in Abb. 1 »oraler Lichen planus«. Im Fall von Dr. Schiffer zeigt das klinische Bild vor Behandlungsbeginn eine weißliche, streifenförmige, teilweise auch konfluierende Zeichnung am Zungenrand (3/2009, S. 184, Abb. 1). Die Veränderung ist nicht abwischbar. Unterschiede im klinischen Erscheinungsbild zu unserem in Abbildung 1 gezeigten Fall sind in einer dichteren, mehr flächenhaften Weißzeichnung sowie im Fehlen von punktförmigen Einzeleffloreszenzen zu erkennen. Trotz dieser Unterschiede ähneln sich die beiden klinischen Bilder und rufen die Frage hervor, ob es sich nicht um die gleiche Erkrankung handeln könnte? Unsere langjährige praktische wie wissenschaftliche Erfahrung mit diesem Krankheitsbild lässt uns in beiden Fällen zur Diagnose »oraler Lichen planus« kommen. Nachfolgend wollen wir dies begründen und fragen: Was spricht für diese Diagnose, welche weiteren Befunde sind von diagnostischer Bedeutung?
Für die Diagnose »Lichen planus« und gegen die Diagnose »Leukoplakie« sprechen die Wickham'schen Striae, in diesem Fall in einem dichteren Muster, die charakteristisch für einen Lichen planus sind. Definiert ist die orale Leukoplakie als „eine vorwiegend weiße Läsion der Mundschleimhaut, die nicht als eine andere definierbare Erkrankung charakterisiert werden kann“ [3]. Diese Ausschlussdefinition bedeutet, wenn eine weiße Läsion als irgendeine andere Veränderung diagnostiziert werden kann, z. B. als Friktionskeratose, Leuködem, weißer Schleimhautnävus oder Lichen planus (Übersicht siehe Tabelle 2), dann sollte die Läsion nicht als Leukoplakie bezeichnet werden [4]. Aber die Diagnose Leukoplakie wurde, wie der Autor berichtet, histologisch bestätigt. Wie kann das sein? Sind Lichen planus und Leukoplakie histologisch immer sicher zu unterscheiden? Folgt der Pathologe bei schwieriger histologischer Entscheidungsgrundlage eher der klinischen Verdachtsdiagnose? Auf diese Fragen wird im Abschnitt „Diagnosestellung aus klinisch-pathologischer Sicht“ eingegangen.
Aber ergibt sich aus den unterschiedlichen Diagnosen eine therapeutische Konsequenz, wird ein Lichen planus anders (erfolgreicher?) behandelt? Die Therapie des Lichen folgt, verglichen mit der Leukoplakie-Therapie, einem mehr konservativen, noninvasiven Therapieansatz und ist an den unterschiedlichen Schweregraden ausgerichtet. Die wichtigsten Therapien des oralen Lichen planus sind gegenwärtig medikamentös mit anti-inflammatorischer und immunsuppressiver Wirkung. In den Therapieempfehlungen des »4. World Workshop on Oral Medicine« sind topische Glukokortikoide (+/- topische Antimykotika) Mittel der ersten Wahl bei der Therapie des oralen Lichen planus [5]. Am Therapiebeginn steht die Suche und Beseitigung lokaler gewebsirritierender Einflussfaktoren, wie scharfe Zahnkanten, Zahnfehlstellungen, elongierte oder gekippte Zähne sowie nicht (mehr) optimal gestaltete Prothesen und Restaurationen. Darin weisen die Therapien des Lichen planus und der Leukoplakie Gemeinsamkeiten auf.
Ausgehend von diesem Fall wollen wir im Folgenden die Frage »Oraler Lichen planus oder orale Leukoplakie?« näher betrachten und Hinweise für die Diagnosefindung geben sowie die infrage kommenden Differenzialdiagnosen von weißlichen Veränderungen beschreiben.
Lesen Sie weiter:
Eine weißliche Veränderung am Zungenrand. Welche Diagnose, welche Differenzialdiagnosen? – Teil 2
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Literaturverzeichnis
[1] Bethke G, Reichart PA: Schweregradbestimmung des oralen Lichen planus mit einem neuen klinischen Index. Mund Kiefer Gesichtschir 9, 152–160 (2005)
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[3] Axéll T, Pindborg JJ, Smith CJ, van der Waal I, and an International Collaborative Group on Oral White Lesions: Oral white lesions with special reference to precancerous and tobacco-related lesions: conclusions of an international symposium held in Uppsala, Sweden, May 18–21 1994. J Oral Pathol Med 25, 49–54 (1996)
[4] Neville BW, Day TA: Oral cancer and precancerous lesions. CA Cancer J Clin 52, 195–215 (2002)
[5] Al-Hashimi I, Schifter M, Lockhart P et al.: Oral lichen planus and oral lichenoid lesions: diagnostic and therapeutic considerations. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod 103 (Suppl 1), S25.e1–S25.e12 (2007)
[6] Onofre MA, Sposto MR, Navarro CM, Motta MESFM, Turatti E, Almeida RT: Potentially malignant epithelial oral lesions: discrepancies between clinical and histological diagnosis. Oral Dis 3, 148–152 (1997)
[7] Schepmann KP, Bezemer PD, van der Meij EH, Smeele LE, van der Waal I: Tobacco usage in relation to the anatomical site of oral leukoplakia. Oral Dis 7, 25–27 (2001)
[8] van der Meij EH, Reibel J, Slootweg PJ, van der Wal JE, de Jong WF, van der Waal I: Interobserver and intraobserver variability in the histologic assessment of oral lichen planus. J Oral Pathol Med 28, 274–277 (1999)
[9] van der Meij EH, van der Waal I: Lack of clinicopathologic correlation in the diagnosis of oral lichen planus based on the presently available diagnostic criteria and suggestions for modifications. J Oral Pathol Med 32, 507–512 (2003)
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[11] Felix DH, Watret K, Wray D, Southam JC: Hairy leukoplakia in an HIV-negative, nonimmunosuppressed patient. Oral Surg Oral Med Oral Pathol 74, 563–566 (1992)




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