Endo mit nur einer Feile – der Paradigmenwechsel in der Endodontie?

Drucken Von Dr. Ludwig Hermeler    aktualisiert am 16.06.2011

Mit WaveOne stellt DENTSPLY Maillefer ein neues Konzept vor, um Wurzelkanäle in adäquater Größe und Konizität mit einem einzigen maschinellen Nickel-Titan-Instrument in reziproker Bewegung aufzubereiten. Im Praxisalltag steht die „Single-File“-Technik für Einfachheit, Innovation und nicht zuletzt für zuvor unerreichte Sicherheit.

Abb. 1: Die WaveOne-Feile.
Abb. 1: Die WaveOne-Feile.


Betrachtet man die Geschichte der Wurzelkanalaufbereitungstechnik, so wird ein wahrer Innovationsschub in den letzten 15 Jahren deutlich: Am Anfang stand das 1985 von Roane vorgestellte Balanced-Force-Konzept, das auf kleinen Bewegungen im bzw. gegen den Uhrzeigersinn beruht und über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren entwickelt wurde. Es ist für die Aufbereitung gekrümmter Kanäle geeignet, durch die Verwendung mehrerer Stahlinstrumente zeitaufwendig und anfällig für Aufbereitungsfehler wie z.B. Kanalverlagerungen.

Mit der Einführung des rotierenden Nickel-Titan-Instruments ProFile im Jahr 1995 (DENTSPLY Maillefer) beginnt das Zeitalter der maschinell betriebenen Aufbereitung, wesentlich optimiert durch das ProTaper-System ab 2001. Die NiTi-Instrumente sind flexibler als Stahlinstrumente, ihre Schneidleistung ist besser, die Tendenz, das apikale Foramen zu verlagern, ist geringer. Trotzdem müssen immer noch mehrere Nickel-Titan-Instrumente, dabei auch Handinstrumente (z.B. bei der Gleitpfadherstellung), eingesetzt werden.

Um die Kanalaufbereitung noch komfortabler zu gestalten, wurde die maschinelle Aufbereitung mit einem F2-Instrument aus dem ProTaper-System in reziproker Feilenbewegung erforscht. Die 2010 und 2011 veröffentlichten Studien sind in den Literaturangaben aufgeführt. Das Ergebnis dieser rasanten Entwicklung ist WaveOne (Abb. 1): Mit nur einem maschinell betriebenen Nickel-Titan-Instrument in reziproker Bewegung wird der Wurzelkanal ohne vorherige Verwendung von Handinstrumenten aufbereitet und ausgeformt. Das Single-File-Konzept ist damit konträr zum bisherigen Standard und steht für einen bedeutsamen Paradigmenwechsel. Selbst bei engen und gekrümmten Wurzelkanälen wird in den meisten Fällen nur ein einziges WaveOne-Instrument benötigt.

Die WaveOne-Technik



Die WaveOne-Feile wird reziprok bewegt: Ein großer Rotationswinkel in Schneidrichtung trägt effizient Dentin ab, ein kleinerer Winkel in Gegenrichtung gibt das Instrument sofort wieder frei und lässt es unter Beibehaltung der Wurzelanatomie tiefer in den Kanal dringen. Damit ist die Gefahr des Einschraubens und des Feilenbruchs deutlich verringert, die Zentrierung im Kanal ist optimal. Die Drehwinkel im und gegen den Uhrzeigersinn legen das Ausmaß der reziproken Links- und Rechtsbewegung fest. Dabei wird der spezifische Frakturwinkel der Instrumente nicht erreicht. Auf eine aufwendige Gleitpfadherstellung kann verzichtet werden.

Ein zeitraubender Instrumentenwechsel und eine umfangreiche Bevorratung mit unterschiedlichen Instrumentenfolgen entfallen. Die Zeitersparnis in der Phase der Aufbereitung wird von Prof. P. Machtou auf bis zu 40 % gegenüber der Anwendung herkömmlicher, rotierender Feilen angegeben – Zeit, die in eine effiziente Aktivierung der Spülflüssigkeit, z.B. mit dem EndoActivator (siehe im Fallbeispiel), investiert werden kann und sollte. Der klinische Ablauf mit WaveOne wird im Patientenfall dargestellt.

Das WaveOne-System



Abb. 2: WaveOne-Feile, Papierspitzen, Guttapercha-Spitzen, Obturator.
Abb. 2: WaveOne-Feile, Papierspitzen, Guttapercha-Spitzen, Obturator.
Abb. 3: Der WaveOne-Endomotor.
Abb. 3: Der WaveOne-Endomotor.
Je nach der Ausgangsgröße des Wurzelkanals stehen drei WaveOne-Feilen zur Verfügung: Mit der Primary (#025.08, Farbmarkierung Rot) können die meisten Kanäle vollständig aufbereitet werden. Lässt sich die K-Handfeile der Größe 010 nur schwer im Kanal bewegen, ist Small (#021.06, Gelb) die korrekte Wahl. Falls eine K-Feile der Größe 20 leicht auf die volle Arbeitslänge vorgeschoben werden kann, wird Large (#040.08, Schwarz) gewählt. In der Regel reicht eine einzige WaveOne-Feile für die Greater-Taper-Aufbereitung und Ausformung des gesamten Kanals.

Die Einmalverwendung der in einer vorsterilisierten Blisterpackung erhältlichen Feilen sorgt für eine stets optimale Schneidleistung, das Risiko von Kontaminationen bei Wiederverwendung entfällt hiermit ebenso wie die Organisation von Desinfektion, Reinigung und Sterilisation. Bei Mehrfachverwendung von Feilen kommt es zu Verschleiß und zyklischer Ermüdung. Die Einmalverwendung erhöht die Sicherheit für Patienten und Zahnärzte.

Exakt auf die Maße der für den Kanal passenden WaveOne-Feile sind die steril verpackten Papierspitzen, die Guttapercha-Spitzen oder der Obturator abgestimmt; ihre Zuordnung ist durch die Farbcodierungen einfach erkennbar (Abb. 2). Zum System gehört schließlich auch der WaveOne-Endomotor (Abb. 3). Er ist quasi rückwärtskompatibel auch für kontinuierlich rotierende Feilensysteme (z.B. PathFile, ProTaper, GT Series X, Gates-Bohrer) programmiert und verfügt über 15 weitere Speicherplätze für individuelle Einstellungen.

Kasuistik



Abb. 4: Sondierung und Endometrie mit K-Feile #010.
Abb. 4: Sondierung und Endometrie mit K-Feile #010.
Abb. 5: Präoperatives Röntgenbild.
Abb. 5: Präoperatives Röntgenbild.
Nach Versorgung des Zahnes 47 mit einem adhäsiven präendodontischen Aufbau erfolgt die Präparation der Zugangskavität. Für die Auswahl der WaveOne-Feile werden als Kriterien das Ausgangsröntgenbild und das Vordringen einer K-Feile #010 herangezogen. Im vorliegenden Fall wurde in einem Schritt mit K-Feilen #010 sondiert, elektrometrisch mit einem Apexlocator die Kanallängen gemessen und im digitalen Röntgenbild dargestellt (Abb. 4 u. 5). In den beiden mesialen Kanälen ist die WaveOne Primary (#025.08, rote Farbmarkierung) die korrekte Größe. Im relativ weiten distalen Kanal kann eine K-Feile #020 problemlos auf Arbeitslänge geführt werden, folglich kommt hier die WaveOne Large (#040.08) zum Einsatz.

Die Kavität wird mit Irrigationslösung gefüllt. Die mit viskösem Chelator am Arbeitsende versehene WaveOne-Feile wird passiv mit 2–3 mm kurzer Einwärts-Auswärts-Bewegung in den Kanal eingeführt (Abb. 6), bis sie nicht mehr mühelos vordringt. Die Feile wird herausgenommen und Débris entfernt. Wichtig ist die häufige Reinigung und Spülung (Abb. 7). Diese Schritte werden wiederholt, bis die beiden koronalen Kanaldrittel aufbereitet sind. Das apikale Drittel wird nochmals mit der 010-Feile in Gegenwart eines viskösen Chelators erkundet, die Gängigkeit sichergestellt und die definitive Arbeitslänge kontrolliert. Nach Spülung wird die WaveOne-Feile bis zur definitiven Arbeitslänge eingeführt (Abb. 8)
Abb. 6: WaveOne im Einsatz.
Abb. 6: WaveOne im Einsatz.
Abb. 7: Häufige Reinigung und Spülung.
Abb. 7: Häufige Reinigung und Spülung.
. Die Aufbereitung ist korrekt, wenn der apikale Bereich der Feile mit Dentin bedeckt ist (Abb. 9). Nochmals wird gespült und rekapituliert.

Die aufbereiteten Kanäle werden zusätzlich durch hydrodynamische Aktivierung der Flüssigkeiten des Spülprotokolls (Hypochlorit, EDTA, CHX-Lösung) mit dem EndoActivator (Abb. 10) von Dentinspänen und Gewebsresten gereinigt und desinfiziert. Die Größe des apikalen Foramens wird – entsprechend der WaveOne-Feilengröße – mesial mit einer 025-Feile, distal mit einer 040-Feile ausgemessen (Abb. 11). Die Aufbereitung wird abgeschlossen, da die Handfeilen bei erreichter Arbeitslänge eng anliegen. Eine Masterpoint-Aufnahme mit den entsprechenden Guttapercha-Spitzen aus dem WaveOne-System (Abb. 12 u. 13) erlaubt Feinabstimmungen. Die Trocknung der Kanäle erfolgt mit den sterilen WaveOne-Papierspitzen, die aufgrund der Konizität schneller als herkömmliche ISO-Papierspitzen zum Ziel führen (Abb. 14).

Die Wurzelfüllung erfolgt hier mit AH Plus als Mastercone-Füllung (Abb. 15) unter Verwendung der WaveOne-Guttapercha-Spitzen. Alternativ kann auch eine thermoplastische Obturation mit den farblich ebenfalls nach Größe codierten WaveOne-Thermaprep-Obturatoren durchgeführt werden. Abbildung 16 zeigt die Politur mit Enhance-Multi-Gummikelchen des mit Ceram X erstellten adhäsiven Verschlusses, wonach die postendodontische Versorgung der Zähne 47 und 46 eingeleitet werden kann.
Bilder
Abb. 8: Aufbereitung des apikalen Drittels.   Abb. 9: Korrekte Aufbereitung des distalen Kanals.   Abb. 10: Der EndoActivator im Einsatz.   Abb. 11: Ausmessen der Foramengröße.   Abb. 12: WaveOne Guttapercha-Spitzen.   Abb. 13: Masterpoint mit WaveOne-Guttapercha-Spitzen.   Abb. 14: Trocknung mit WaveOne-Papierspitzen.   Abb. 15: Röntgenkontrolle nach Wurzelfüllung.   Abb. 16: Politur des adhäsiven Verschlusses mit Enhance Multi.  

Fazit



Die Innovation WaveOne besticht mit ihrer Einfachheit: neben einer K-Feile zur Sondierung nur ein einziges Instrument pro Wurzelkanal in den meisten Fällen, optimale Schneidfähigkeit, bessere Zentrierung im Kanal und Flexibilität ohne die Gefahr des Einschraubens oder des Feilenbruchs, Einmalverwendung als neuer Hygienestandard, Zeit- und Kostenersparnis und komfortabler Arbeitsablauf.

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Fotostrecke
Abb. 2: WaveOne-Feile, Papierspitzen, Guttapercha-Spitzen, Obturator.   Abb. 3: Der WaveOne-Endomotor.   Abb. 4: Sondierung und Endometrie mit K-Feile #010.   Abb. 5: Präoperatives Röntgenbild.   Abb. 6: WaveOne im Einsatz.   Abb. 7: Häufige Reinigung und Spülung.   Abb. 8: Aufbereitung des apikalen Drittels.   Abb. 9: Korrekte Aufbereitung des distalen Kanals.   Abb. 10: Der EndoActivator im Einsatz.   Abb. 11: Ausmessen der Foramengröße.   Abb. 12: WaveOne Guttapercha-Spitzen.   Abb. 13: Masterpoint mit WaveOne-Guttapercha-Spitzen.   Abb. 14: Trocknung mit WaveOne-Papierspitzen.   Abb. 15: Röntgenkontrolle nach Wurzelfüllung.   Abb. 16: Politur des adhäsiven Verschlusses mit Enhance Multi.  


Literaturverzeichnis

[1] Roane JB, Sabala Cl, Duncanson MG: The „balanced force” concept for instrumentation of curved canals, J Endod 11, 203–211 (1985)
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