Prognostische Faktoren für die Periimplantitis-Therapie – Teil 1

Drucken Von Dr. Jörg Neugebauer, Dr. Frank Kistler, Dr. Freimut Vizethum, Dr. Steffen Kistler, Dr. Franzisksa Möller MSc., Dr. Dr. Martin Scheer, Prof. Dr. Dr. Joachim E. Zöller    aktualisiert am 15.06.2011

Periimplantäre Erkrankungen besitzen über die Vertiefung der Taschen eine sich selbst verstärkende Tendenz zur Progression. Ein systematischer Recall und frühe Diagnostik ermöglichen es, diese Abfolge durch eine initiale Mukositistherapie zu unterbrechen. Als minimalinvasives Verfahren reduziert die aPDT alle in der Mundhöhle bekannten Bakterienspezies effektiv. Die chirurgische Therapie der ausgeprägten Periimplantitis erfordert eine effiziente und gewebefreundliche Dekontamination des Operationsareals. Die Defektaugmentation mit einem porösen Titangranulat erlaubt die Reduktion der Taschentiefe.


Auftreten der Periimplantitis



In der Vergangenheit kam diese eine Erkrankung des periimplantären Weich- und Hartgewebes in der Praxis eher selten vor, weil die Frequenz der implantologischen
Abb. 1: Periimplantitis an 42, die bei der Freilegungsoperation von 41 kürretiert wurde.
Abb. 1: Periimplantitis an 42, die bei der Freilegungsoperation von 41 kürretiert wurde.
Therapie sehr gering war und weil systematische Recalls ebenfalls selten waren. Durch die Optimierung der Implantatoberflächen, durch neue Augmentationstechniken und die erhöhte Akzeptanz der Implantattherapie treten nunmehr auch periimplantäre Erkrankungen häufiger auf [39] (Abb. 1).

Idealerweise ist ein dem individuellen Risiko entsprechendes Recallintervall festzulegen, nach dem die parodontalen und periimplantären Parameter dokumentiert werden können: Plaque, Blutungsindex und ggf. auch die Sondierungstiefe. Eine geeignete Patientenaufklärung und -instruktion sichert das Recallmanagement ab. Dabei soll der Patient hinsichtlich der meist schmerzlos verlaufenden Periimplantitis sensibilisiert werden, indem die Bedeutung des „Zahnfleischblutens am Implantat“ dargestellt wird, bei dem ein Zuwarten bis zum nächsten Recalltermin aufgrund der fortschreitenden Gewebedestruktion nicht geduldet werden kann (Abb. 2 u. 3).

Obwohl die Periimplantitis unterschiedliche Ursachen haben kann
Abb. 2: Periimplantitis mit Pus-Austritt an beiden Implantaten.
Abb. 2: Periimplantitis mit Pus-Austritt an beiden Implantaten.
(z.B. geringes Knochenlager bei der Implantatinsertion, unzureichend regenerierte Augmentationsareale, Spannungen durch die prothetische Versorgung oder Zurückbleiben von Zementresten im Sulkus), zeigt sich die klinische Symptomatik bei allen Destruktionen gleich: Taschenbildung und ein Entgleisen der physiologischen Mundflora [11, 29] mit den typischen Entzündungszeichen [12, 15, 16].

Bei chronischen Infektionen wird die Ausbildung eines immer wieder pathologisch entgleisenden Biofilms selbst beim zahnlosen Patienten darauf zurückgeführt, dass sich Aggregatibacter actinomycetemcomitans auch nach Zahnentfernung weiterhin im Gewebe
Abb. 3: Ausgedehnter Knochendefekt an Implantat 41 ein Jahr nach prothetischer Versorgung.
Abb. 3: Ausgedehnter Knochendefekt an Implantat 41 ein Jahr nach prothetischer Versorgung.
befindet und eine Infektion am Implantat begünstigen kann [12, 26]. Damit wird zum Beispiel auch das erhöhte Periimplantitisrisiko bei Patienten erklärt, die schon ihre natürlichen Zähne durch Parodontopathien verloren haben [31, 33]. Gerade bei einer über längere Zeit nicht therapierten Entzündung oder auch nach mehrfachem Antibiotikaeinsatz steigt der Anteil der anaeroben Keime und es können sich Superinfektionen mit Pilzspezies ausbilden.

Therapeutische Optionen



In der Literatur wird für das Infektionsmanagement eine Reihe von Verfahren vorgeschlagen. Diese orientieren sich an den Erfahrungen der Parodontologie mit einer lokalen oder systemischen Antibiotikatherapie oder der Verwendung verschiedener Agenzien zur Keimreduktion an den betroffenen Arealen [14]. Besonders für die chirurgische Anwendung werden unterschiedliche Konzentrationen von Zitronen- oder Phosphorsäure empfohlen, für die jedoch keine fundierte Evidenz vorliegt [25, 32]. Mundspüllösungen in höheren Konzentrationen haben keine Zulassung für die Anwendung im chirurgischen Bereich und es sind Wechselwirkungen mit teilweise toxischen Reaktionen bekannt [21, 27]. In den letzten Jahren kamen die Möglichkeiten der Oxidation der Zellmembran durch die lokale Ozonapplikation oder durch die antimikrobielle photodynamische Therapie (aPDT) auf. Allerdings ist die Anwendung der Ozontherapie in den letzten Jahren wieder rückläufig, da hier neben gewissen Schmerzsensationen bei der Applikation insbesondere bei schmalen und tiefen Taschen Therapieversager beobachtet wurden [1, 23]. Diesen Verfahren ist gemein, dass eine pharmakologisch wirksame Konzentration und Einwirkzeit im lokalen Biofilm entweder nur mit hohen und gewebeschädlichen Dosierungen oder durch eine unakzeptabel lange Behandlungsdauer zu erreichen ist. Dagegen hat sich die photodynamische Therapie inzwischen mit einer relativ weiten Verbreitung etabliert [13, 20, 35]. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie neben der rein lokalen Dekontamination des infizierten Areals die Wundheilung durch den Low-Level-Lasereffekt unterstützt [17, 37]. Das gewebeschonende Verfahren ist besonders für die Erhaltungstherapie geeignet, da es bei chronischen Infektionen wiederholt angewendet werden kann.

Funktionsweise der aPDT



Die photodynamische Reaktion zerstört gezielt die Bakterienwände und erreicht so eine Keimreduktion am infizierten Gewebe [7, 9]. Für eine hohe Effektivität bedarf es des Zusammenspiels aus Photosensitizer, Umgebungsbedingungen des infizierten Areals und Laserenergie. Von verschiedenen Herstellern werden Systeme mit unterschiedlicher technischer Auslegung und abweichenden Anwendungsempfehlungen angeboten. Wichtig ist daher, die klinische Wirksamkeit des jeweiligen Konzeptes zu hinterfragen. Gegebenenfalls sollte es durch klinische Studien belegt sein.

Zum Beispiel wird beim HELBO-Verfahren, dessen Wirksamkeit vielfach belegt ist [3, 5, 6, 18, 28, 34], nach der initialen mechanischen Reinigung und der Auflockerung des Biofilms eine sterile lichtaktive Farbstofflösung als Photosensitizer auf das infizierte Areal appliziert. Diese Moleküle diffundieren während der empfohlenen Einwirkzeit von mindestens 60–180 Sekunden in den Biofilm und lagern sich an die negativ geladenen Zentren der Bakterienhülle an. Nach sorgfältigem Wegspülen der überschüssig eingebrachten Farbstofflösung verbleibt der markierte Biofilm und wird für den Zahnarzt sichtbar. Die Aktivierung der Photosensitizermoleküle erfolgt mit nicht thermischem Laserlicht. Dabei werden durch Energieabsorption Singulettsauerstoffmoleküle produziert [24], die als sehr starke Oxidationsmittel sofort mit den Lipidketten der Bakterienwand reagieren, was eine letale Schädigung der Bakterien bedeutet. Die beteiligten Agenzien fallen wieder in den Grundzustand zurück und können erneut aktiviert werden. Der Prozess läuft also so lange ab, wie die Belichtung erfolgt. Eukaryote Zellen werden bei Auswahl geeigneter Photosensitizer aufgrund ihres Membranpotenzials nicht angefärbt, somit wird an deren Wand auch kein schädigender Singulettsauerstoff gebildet. Da die Sprungweite von Singulettsauerstoff sehr kurz ist, verbleibt das Reaktionszentrum am Ort der Bildung, sodass eine Schädigung der für die Regeneration notwendigen Zellen nicht erfolgt.

Lesen Sie weiter:
Prognostische Faktoren für die Periimplantitis-Therapie – Teil 2

Teilen

Fotostrecke
Abb. 1: Periimplantitis an 42, die bei der Freilegungsoperation von 41 kürretiert wurde.   Abb. 2: Periimplantitis mit Pus-Austritt an beiden Implantaten.   Abb. 3: Ausgedehnter Knochendefekt an Implantat 41 ein Jahr nach prothetischer Versorgung.  


Literaturverzeichnis

[1] Azarpazhooh A, Limeback H: The application of ozone in dentistry: a systematic review of literature. J Dent 36, 104–116 (2008)
[2] Beikler T, Flemmig TF: Oral biofilm-associated diseases: trends and implications for quality of life, systemic health and expenditures. Periodont 2000 55, 87–103 (2011)
[3] Braun A, Dehn C, Krause F, Jepsen S: Short-term clinical effects of adjunctive antimicrobial photodynamic therapy in periodontal treatment: a randomized clinical trial. J Clin Periodontol 35, 877–884 (2008)
[4] Bullens PH, Schreuder HW, de Waal Malefijt MC et al.: The presence of periosteum is essential for the healing of large diaphyseal segmental bone defects reconstructed with trabecular metal: a study in the femur of goats. J Biomed Mater Res B Appl Biomater 92, 24–31 (2010)
[5] Chondros P, Nikolidakis D, Christodoulides N et al.: Photodynamic therapy as adjunct to non-surgical periodontal treatment in patients on periodontal maintenance: a randomized controlled clinical trial. Lasers Med Sci 24, 681–688 (2009)
[6] de Oliveira RR, Schwartz-Filho HO, Novaes AB et al.: Antimicrobial photodynamic therapy in the non-surgical treatment of aggressive periodontitis: cytokine profile in gingival crevicular fluid, preliminary results. J Periodontol 80, 98–105 (2009)
[7] Dortbudak O, Haas R, Bernhart T et al.: Lethal photosensitization for decontamination of implant surfaces in the treatment of peri-implantitis. Clin Oral Implants Res 12, 104–108 (2001)
[8] Faggion CM, Jr., Chambrone L, Gondim V et al.: Comparison of the effects of treatment of peri-implant infection in animal and human studies: systematic review and meta-analysis. Clin Oral Implants Res 21, 137–147 (2010)
[9] Haas R, Baron M, Dortbudak O, Watzek G: Lethal photosensitization, autogenous bone, and e-PTFE membrane for the treatment of peri-implantitis: preliminary results. Int J Oral Maxillofac Implants 15, 374–382 (2000)
[10] Haas R, Dortbudak O, Mensdorff-Pouilly N, Mailath G: Elimination of bacteria on different implant surfaces through photosensitization and soft laser. An in vitro study. Clin Oral Implants Res 8, 249–254 (1997)
[11] Heitz-Mayfield LJ, Lang NP: Comparative biology of chronic and aggressive periodontitis vs. peri-implantitis. Periodont 2000 53, 167–181 (2010)
[12] Kaldahl WB, Kalkwarf KL, Patil KD et al.: Relationship of gingival bleeding, gingival suppuration, and supragingival plaque to attachment loss. J Periodontol 61, 347–351 (1990)
[13] Konopka K, Goslinski T: Photodynamic therapy in dentistry. J Dent Res 86, 694–707 (2007)
[14] Kotsovilis S, Karoussis IK, Trianti M et al.: Therapy of peri-implantitis: a systematic review. J Clin Periodontol 35, 621–629 (2008)
[15] Lang NP, Adler R, Joss A et al.: Absence of bleeding on probing. An indicator of periodontal stability. J Clin Periodontol 17, 714–721 (1990)
[16] Lang NP, Berglundh T, Heitz-Mayfield LJ et al.: Consensus statements and recommended clinical procedures regarding implant survival and complications. Int J Oral Maxillofac Implants 19 Suppl, 150–154 (2004)
[17] Lui J, Corbet EF, Jin L: Combined photodynamic and low-level laser therapies as an adjunct to nonsurgical treatment of chronic periodontitis. J Period Res 46, 89–96 (2011)
[18] Lulic M, Leiggener Gorog I, Salvi GE et al.: One-year outcomes of repeated adjunctive photodynamic therapy during periodontal maintenance: a proof-of-principle randomized-controlled clinical trial. J Clin Periodontol 36, 661–666 (2009)
[19] Macheras GA, Kateros K, Koutsostathis SD et al.: The Trabecular Metal Monoblock acetabular component in patients with high congenital hip dislocation: a prospective study. J Bone Joint Surg Br 92, 624–628 (2010)
[20] Malik R, Manocha A, Suresh DK. Photodynamic therapy – a strategic review. Indian J Dent Res 21, 285–291(2010)
[21] Mariotti AJ, Rumpf DA: Chlorhexidine-induced changes to human gingival fibroblast collagen and non-collagen protein production. J Period 70, 1443–1448 (1999)
[22] Neugebauer J: Using photodynamic therapy to treat peri-implantitis. Interview. Dent Implantol Update 16, 9–16 (2005)
[23] Nogales CG, Ferrari PH, Kantorovich EO et al.: Ozone therapy in medicine and dentistry. J Contemp Dent Pract 9, 75–84 (2008)
[24] Ochsner M: Photophysical and photobiological processes in the photodynamic therapy of tumours. J Photochem Photobiol Biology 39, 1–18 (1997)
[25] Otto M, Gluckman H: The treatment of peri-mucositis and peri-implantitis. J South African Dent Assoc 63, 250–252 (2008)
[26] Quirynen M, Van Assche N: Microbial changes after full-mouth tooth extraction, followed by 2-stage implant placement. J Clin Periodontol 38, 581–589(2011)
[27] Renvert S, Roos-Jansaker AM, Claffey N: Non-surgical treatment of peri-implant mucositis and peri-implantitis: a literature review. J Clin Periodontol 35, 305–315 (2008)
[28] Romanos GE, Brink B: Photodynamic therapy in periodontal therapy: microbiological observations from a private practice. Gen Dent 58, e68–73 (2010)
[29] Rutar A, Lang NP, Buser D et al.: Retrospective assessment of clinical and microbiological factors affecting periimplant tissue conditions. Clin Oral Implants Res 12, 189–195 (2001)
[30] Schneider M, Kirfel G, Krause F et al.: The impact of antimicrobial photodynamic therapy on Streptococcus mutans in an artificial biofilm model. In: Lasers in Dentistry XVI, Edition San Francisco, California, USA: Proc. SPIE 2010; 7549, 75490A.
[31] Schou S: Implant treatment in periodontitis-susceptible patients: a systematic review. J Oral Rehabil 35 Suppl 1, 9–22 (2008)
[32] Schou S, Holmstrup P, Jorgensen T et al.: Implant surface preparation in the surgical treatment of experimental peri-implantitis with autogenous bone graft and ePTFE membrane in cynomolgus monkeys. Clin Oral Implants Res 14, 412–422 (2003)
[33] Schou S, Holmstrup P, Worthington HV, Esposito M: Outcome of implant therapy in patients with previous tooth loss due to periodontitis. Clin Oral Implants Res 17 Suppl 2, 104–123 (2006)
[34] Sigusch BW, Engelbrecht M, Volpel A et al.: Full-mouth Antimicrobial Photodynamic Therapy (PDT) in F. nucleatum infected periodontitis patients. J Periodontol 81, 975–981 (2010)
[35] Soukos NS, Goodson JM: Photodynamic therapy in the control of oral biofilms. Periodontology 2000 55, 143–166 (2011)
[36] Sporer SM, Paprosky WG: The use of a trabecular metal acetabular component and trabecular metal augment for severe acetabular defects. J Arthropl 21, 83–86 (2006)
[37] Stein E, Koehn J, Sutter W et a.: Phenothiazine chloride and soft laser light have a biostimulatory effect on human osteoblastic cells. Photomed Laser Surg 27, 71–77 (2009)
[38] Wohlfahrt JC, Monjo M, Ronold HJ et al.: Porous titanium granules promote bone healing and growth in rabbit tibia peri-implant osseous defects. Clin Oral Implants Res 21, 165–173 (2010)
[39] Zitzmann NU, Berglundh T: Definition and prevalence of peri-implant diseases. J Clin Periodontol 35, 286-291 (2008)

Dr. Jörg Neugebauer

Interdisziplinäre Poliklinik für Orale Chirurgie und Implantologie, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie der Universität zu Köln

Direktor: Univ.-Professor Dr. Dr. J. E. Zöller

Kerpener Str.32

50931 Köln

Dr. Frank Kistler

Dres. Bayer, Kistler, Elbertzhagen und Kollegen

Von-Kühlmann-Str. 1

86899 Landsberg am Lech

Dr. Steffen Kistler

Dres. Bayer, Kistler, Elbertzhagen und Kollegen

Von-Kühlmann-Str. 1

86899 Landsberg am Lech

Leser-Kommentare

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu verfassen.