Gewusst wie: Mit Prophylaxe gegen Parodontitis

Drucken aktualisiert am 21.06.2011

Zahnärzte stehen heutzutage in der Pflicht, die nachhaltige Prävention von Parodontalerkrankungen in den Fokus zu rücken. Gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung bedeutet das, adäquate Selbstzahnpflege bei Patienten jedes Alters zu fördern. Anhand von Risikoprofilen lassen sich Prognosen zum späteren Krankheitsstatus treffen und Patienten in Risikogruppen einteilen – Grundvoraussetzung für eine bedarfsgerechte Therapie mit entsprechenden Recallintervallen.

Status vor Initialbehandlung (22.04.2008).
Status vor Initialbehandlung (22.04.2008).


Die Bedeutung der häuslichen Mundhygiene für die Prävention parodontaler Erkrankungen veranschaulichte eine eindrucksvolle Studie von Prof. Dr. Axelsson aus Schweden. Regelmäßige Motivation zur häuslichen Mundhygiene und bedarfsorientierte Anleitung eingebettet in ein gutes Behandlungskonzept überzeugten die Studienteilnehmer: Lediglich zwei Prozent der 375 Probanden beendeten die Teilnahme an der 30-jährigen Studie vorzeitig. Von insgesamt 12.000 Zähnen gingen nur 21 Zähne aufgrund von progredienter Parodontitis oder Karies verloren. Wiederholte Einweisungen in die Zahn- und Interdentalpflege erwiesen sich als ebenso wichtig wie eine regelmäßig alle drei bis sechs Monate stattfindende PZR. Zudem zeigt sich, dass Patienten mit erhöhter Sensibilität gegenüber ihrer Erkrankung eine Eigen- und Fremdkontrolle regelmäßig nutzen.

Chancen und Nutzen individueller Risikoprofile



Abb. 1: Ein individuelles Risikoprofil.
Abb. 1: Ein individuelles Risikoprofil.
Abb. 2: Items der Risikoprofile.
Abb. 2: Items der Risikoprofile.
Für die Erstellung von Risikoprofilen spielen ätiologische Faktoren, Parodontitisprävalenz und -inzidenz eine genauso tragende Rolle wie äußere, innere und sogenannte präventive (Risiko-)Faktoren. In jedem Fall wird jeder Faktor hinsichtlich des Parodontitisrisikos in die Kategorien „nicht vorhanden“, „gering“, „vorhanden“ und „hoch“ eingestuft. Abbildung 1 zeigt den Behandlungsverlauf mit solchen typischen Risikoprofilen. Im Hinblick auf die Eigenverantwortung ist diesen Risikoprofilen eine besondere Bedeutung beizumessen. Es lassen sich damit Prognosen zum späteren Krankheitsverlauf treffen, Patienten können einer bestimmten Risikogruppe zugeteilt und entsprechende Recallintervalle festgelegt werden, welche aufgrund dieser Veranschaulichung dann auch viel besser in Anspruch genommen werden. Jeder Faktor ist übersichtlich dokumentiert, damit sind Status und Entwicklung visuell erlebbar. Das kontinuierliche Fortführen der Profile spornt den Patienten bei seiner häuslichen Zahnpflege an.

Faktoren bei Parodontitis



Für die Erstellung individueller Risikoprofile stellt die Plaquebildung den wichtigsten ätiologischen Faktor dar. Die Plaque lagert sich am entzündeten Gingivasaum viermal schneller ab als an einer gesunden Gingiva.
Abb. 3: Rechte Seite: Status nach Initialbehandlung und Deep Scaling ohne Zahnstein und mit Rückbildung der Gingiva. Auch auf der linken Seite ist bereits eine Besserung der Gingivaentzündung sichtbar, allein durch verbesserte Selbstzahnpflege (24.06.2008).
Abb. 3: Rechte Seite: Status nach Initialbehandlung und Deep Scaling ohne Zahnstein und mit Rückbildung der Gingiva. Auch auf der linken Seite ist bereits eine Besserung der Gingivaentzündung sichtbar, allein durch verbesserte Selbstzahnpflege (24.06.2008).
Bereits innerhalb zweier Tage nimmt auch die Plaquedicke immens zu. Ganz anders bei Plaquefreiheit: Hier heilt die Gingivitis innerhalb einer Woche aus. Plaqueindex und Plaquebildungsrate-Index sind daher wichtige Indikatoren in Risikoprofilen. Zu den weiteren ätiologischen Faktoren zählen die Bestimmung der Anzahl von Actinobacillus actinomycetemcomitans, Porphyromonas gingivalis, Prevotella intermedia, Bacteriodes forsythus sowie Treponema denticola. Ergänzt werden die Profile immer durch Angaben zu den inneren veränderten Risikofaktoren. Dabei greifen Zahnärzte neben genetisch bedingten Faktoren und defekter Funktion der polymorphkernigen Leukozyten auch chronische Erkrankungen auf, begutachten reduzierten Speichelfluss und die Speichelqualität. Bei chronischen Erkrankungen stellt Diabetes mellitus den bedeutendsten Risikofaktor
Abb. 4: Status nach beidseitiger Initialbehandlung und Deep Scaling (24.06.2008).
Abb. 4: Status nach beidseitiger Initialbehandlung und Deep Scaling (24.06.2008).
Abb. 5: Zwischenstand: Bereits nach drei Monaten Abheilung und Rückbildung der Gingiva (23.07.2008).
Abb. 5: Zwischenstand: Bereits nach drei Monaten Abheilung und Rückbildung der Gingiva (23.07.2008).
dar. Diabetes steht als Risikoindikator an dritter Stelle und folgt somit auf die Faktoren Alter und Rauchen. Denn: Selbst bei gleichen Grundvoraussetzungen wie Alter, Rauchen, Plaquedichte und Zahnstein leiden Diabetiker zweimal häufiger unter parodontalen Attachmentverlusten als Nichtdiabetiker. Patienten, denen seit ihrer Jugend regelmäßig medizinisches Insulin verabreicht wird, sind im Alter anfälliger für Parodontalerkrankungen als gesunde Altersgenossen.

Zu den äußeren, umfeldbedingten Risiken gehören unregelmäßige Zahnpflege, schwacher sozialer Hintergrund, Krankheiten mit artifizieller oder pathologischer Immunsuppression wie Mb. Crohn, AIDS und Leukämie, die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente und schlechte Ernährungsgewohnheiten. Rauchen stellt allerdings den entscheidenden Faktor dar. Studien zeigten: Das Risiko für erneut auftretende Parodontalerkrankungen liegt bei Rauchern fünfmal höher als bei Nichtrauchern. Auch der Erfolg von PA-Therapien ist bei Rauchern vermindert. Abbildung 1 zeigt alle einbezogenen Faktoren.

Dentalhygienikerinnen & Co. einbinden



Ohne den Patienten geht es nicht: Behandler stehen in der Pflicht, dem Patienten ausdrücklich und immer wieder zu verdeutlichen, dass die Behandlung nur dann zu einem dauerhaft guten Ergebnis führt, wenn er zu Hause seinen Beitrag dazu leistet. Hier sind Hygieneschulung und PZR die beste Chance, Patienten zu motivieren. Der direkte Dialog ermöglicht dem Praxisteam, gezielt auf die Putzgewohnheiten der Patienten einzugehen. Ein Blick in die Patientenakte hilft, die Beratung zu individualisieren – je nach Vorerkrankungen und Gesundheitszustand. Zudem können Patienten neue Maßnahmen selbst ausprobieren und die richtige Handhabe von Anbeginn erlernen, wie z.B. den Umgang mit Interdentalbürsten oder Zahnseide. So wird dem Patienten klar, dass fundierte Prophylaxe auch besondere Hilfsmittel erfordert. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich vor der PZR. Patienten kommen mit frisch geputzten Zähnen in die Zahnarztpraxis – doch oft trügt der Schein. Um künftig zur Interdentalpflege zu motivieren, bietet sich an dieser Stelle ein Riechtest an: Der Patient soll sich die Zahnzwischenräume mit Interdentalbürsten säubern, anschließend an der Bürste riechen. Simple Tests wie dieser genügen oftmals, um Patienten zur richtigen Interdentalpflege zu animieren.

Wichtig: Im Prophylaxeshop sollten Produktauswahl und Therapiemethoden ineinandergreifen. Nur wer seinen Patienten auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Produkte anbietet, schafft die Voraussetzung für die weiterführende häusliche Selbstzahnpflege. Dann empfindet der Patient den Praxisshop als komfortables Bonusangebot, zusätzlich zur kompetenten Beratung des Fachpersonals.

Fazit



Zahnärzte sollten alltagstaugliche Präventionsstrategien in ihr Praxiskonzept integrieren. Dazu sollten sich die individuell nötigen Maßnahmen an einer umfassenden Analyse orientieren. Die Studie von Prof. Axelsson zeigt, wie Motivation funktioniert. Generell gilt: Der Patient spielt selbst die wichtigste Rolle bei der Erhaltung seiner Zahngesundheit. Das kann er jedoch nur so gut tun, wie ihn die Praxis motiviert und anleitet.

30-Jahres-Studie von Prof. Dr. Axelsson



In seiner 30-Jahres-Studie verdeutlichten Prof. Dr. Axelsson et al. die Wichtigkeit häuslicher Zahnprophylaxe. Seit 1972 wurden 375 Probanden bei einer Eingangsuntersuchung und nach drei, sechs, 15 sowie 30 Jahren auf Plaquebefall, Karies, Sondierungstiefe, Attachmenthöhe und parodontologischen Behandlungsbedarf untersucht, mit ihrem jeweiligen Gesundheitszustand konfrontiert und zur häuslichen Prophylaxe motiviert – inklusive umfassender Einweisung in die Mundhygiene. Während der ersten zwei Jahre erfolgten alle zwei Monate, danach nach individuellem Bedarf alle drei oder sechs Monate zusätzliche Unterweisungen zur Eigendiagnose. Auf Grundlage der nach sechs Jahren erhobenen Kariesinzidenz und Progression der Parodontalerkankung wurden die Probanden in drei Risikogruppen eingeteilt und je nach Risiko alle zwölf, sechs oder drei Monate zu Prophylaxesitzungen bestellt. Ein Vergleich des Gesundheitszustands der Teilnehmer, die 1972 im Alter zwischen 51 und 65 Jahren waren, mit der gleichen Altersgruppe des Jahres 2002 sollte weitere Aufschlüsse geben.

Im Erhebungszeitraum von 30 Jahren zeigten die Probanden eine geringe Kariesinzidenz. Im Verlauf der Studie entstanden durchschnittlich etwa 1,7 neue Läsionen, davon 80 Prozent Kariesrezidive. Nach 10–15 Jahren fanden sich bei den Probanden der Studiengruppe 0,7 neue kariöse Läsionen, in der Kontrollgruppe dagegen 13, also 20-mal soviel! Bei allen Probanden der Studiengruppe war zudem ein Attachmentgewinn zwischen 0,3 und 0,5 Millimeter mesial sowie zwischen 0,1 und 0,2 Millimeter lingual zu verzeichnen. Die vollständig übersetzte Studie von Prof. Axelsson finden Sie unter www.oral-prevent.de.

Veranstaltungstipp für Zahnärzte



Fortbildung synoptische Parodontitisbehandlung
Parodontitispatienten benötigen im Vorfeld prothetischer Versorgungen eine ausführliche Therapie. Im Rahmen der Fortbildungsreihe zur synoptischen PA-Behandlung steht in den Modulen „Nichtchirurgische PA-Therapie“ und „Chirurgische PA-Therapie“ genau dieses Wissen im Fokus. Die Referentin Dr. Giedre Matuliene, in der Schweiz ausgebildete Fachzahnärztin für Parodontologie und langjährige Oberärztin am Uniklinik Bern, zeigt zusammen mit dem Expertenteam von Oral-Prevent den Wege zur bestmöglichen Integration der Prophylaxe in den Praxisalltag.

Modul I – Nichtchirurgische PA-Therapie
auf Anfrage

Modul II – Chirurgische PA-Therapie
Samstag, 29. Oktober 2011, 9:00–17:00 Uhr 

Kontakt
Oral-Prevent
Blumenstraße 54
22301 Hamburg
Tel.: 040 4606088
Fax: 040 462316
E-Mail: info(at)oral-prevent.de
www.oral-prevent.de

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Abb. 1: Ein individuelles Risikoprofil.   Abb. 2: Items der Risikoprofile.   Abb. 3: Rechte Seite: Status nach Initialbehandlung und Deep Scaling ohne Zahnstein und mit Rückbildung der Gingiva. Auch auf der linken Seite ist bereits eine Besserung der Gingivaentzündung sichtbar, allein durch verbesserte Selbstzahnpflege (24.06.2008).   Abb. 4: Status nach beidseitiger Initialbehandlung und Deep Scaling (24.06.2008).   Abb. 5: Zwischenstand: Bereits nach drei Monaten Abheilung und Rückbildung der Gingiva (23.07.2008).  

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