Adhäsive Befestigungsmaterialien

Drucken Von Dr. Uwe Blunck    aktualisiert am 30.10.2009

Indirekte Füllungstherapie im Front- und Seitenzahnbereich wird von den Patienten überwiegend aus Keramik gewünscht und gehört heute zur zahnärztlichen Standardversorgung. Damit lassen sich durchaus auch substanzschonender präparierte Kavitäten versorgen, wenn diese Restaurationen adhäsiv befestigt werden. Sie bieten nach der plastischen Versorgung oft die letzte Chance zur intrakoronalen Verankerung vor einer Überkronung des Zahns. Um Veneers, Keramik-Inlays, Keramik-Teilkronen und natürlich auch vollkeramische Kronen kraftschlüssig einzugliedern und das Farbempfinden aus der Tiefe des Zahns aufzunehmen, ist eine adhäsive Befestigung mit Befestigungskompositen nötig.

Aufmacher


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Der Vorteil der adhäsiven Befestigung liegt bei sachgerechter Verarbeitung in der Möglichkeit einer sicheren Abdichtung der indirekten Restauration und im Ausgleich von Randungenauigkeiten. Dabei muss aber der Aufwand des Verfahrens bedacht werden, also Oberflächenvorbehandlungen sowohl an der Zahnhartsubstanz als auch an der Haftfläche der Restauration. Somit spielt vor allem die Langzeit­prognose der Befestigungskomposite eine entscheidende Rolle [1].

Anforderungen



Folgende Anforderungen an ein adhäsives Befestigungsmedium können formuliert werden [2]:
  • Gewährleistung eines dauerhaften und festen Verbunds zwischen indirekter Restauration durch adäquate Vorbehandlung der Keramik- bzw. Metalloberfläche einerseits und der Zahnhartsubstanz andererseits durch ein wirksames Adhäsivsystem
  • Auffüllen von Passungenauigkeiten zwischen Restauration und Zahn; da die Fuge unterschiedlich breit sein kann, sind die Befestigungs­komposite je nach Passgenauigkeit einer Abrasion und Auswaschung ausgesetzt
  • sichere Aushärtung im gesamten Fugenbereich, also auch in der Tiefe des Kavitätenbodens
  • Sicherung eines dauerhaft stufenlosen, hochglanzpolierbaren Übergangs zwischen Restauration und Zahnhartsubstanz
  • Unterstützung der farblichen Adaptation der Restauration an die Zahnhartsubstanz
  • Erhöhung der Biegefestigkeit und Verringerung der Frakturgefahr keramischer Restaurationen
  • Stabilisierung der Rest-Zahnhartsubstanz
  • Puffer- und Dämpfungsfunktion zwischen Hartsubstanz und Restauration bezüglich der Kraftweiterleitung und des Spannungsausgleichs zwischen beiden Fügepartnern

Einteilung



Die angebotenen Befestigungskomposite unterscheiden sich hauptsächlich in der Viskosität und im Aushärtungsmodus.

Nach Viskosität

Die Viskosität hat großen Einfluss auf die Benetzung der Substratoberflächen und damit auch auf den Verbund. Die mit Flusssäure vorbehandelte Ober­fläche glasbasierter Keramiken wird durch Silanisieren benetzbar, Oxidkeramiken werden stattdessen mit Sandstrahlen vorbehandelt, ihre Benetzbarkeit wird mit einem Keramik-Primer erhöht. An Metalloberflächen wird zu diesem Zweck ein Metall-Primer auf die sandgestrahlten Haftflächen der Restauration appliziert. Inzwischen werden auch schon so genannte Universal-Primer angeboten, die sowohl an vorbehandelten Keramik- als auch an Metalloberflächen eingesetzt werden können. Zusätzlich zur Benetzbarkeit der Haftfläche ist das Einfließen des Befestigungskomposits in die mikroretentive Oberflächenstruktur zum Verbundaufbau nötig. Daher sind niedrigvisköse Befestigungskomposite zur luftblasenfreien Adaptation sinnvoll.

Zur Verringerung der Abrasion im Fugenbereich werden andererseits höher gefüllte Befestigungskomposite und auch Füllungskomposite eingesetzt. Ihr höherer Füllstoffgehalt hat jedoch zur Folge, dass sie relativ zähflüssig sind, was die Eingliederung aber auch die Benetzung der Haftflächen erschwert. Die thixotropen Eigenschaften der Feinkorn-Hybrid­komposite lösen dieses Problem: Die hochgefüllten Massen werden durch Energiezufuhr wie z.B. Ultraschall dünnfließend, verfestigen sich allerdings sofort wieder nach dem Absetzen der Energiezufuhr. Dadurch wird die Benetzung der silanisierten Keramikoberfläche sichergestellt und gleichzeitig die Überschussentfernung erleichtert. Diese Methode wird Ultraschall-Insertions-Technik (USI) genannt.

Beim Einsatz niedrigvisköser Befestigungskomposite kann es bei breiten Fugen während der Überschussentfernung leicht zum Heraus­ziehen des Materials aus dem Fugenbereich und dadurch zu Unterschüssen bzw. Randimperfektionen kommen.

Die Auswahl eines geeigneten Befestigungskomposits wird also auch von der Präzision der indirekten Restauration beeinflusst. Die Verwendung hoch visköser Befestigungs­komposite verringert Risiken wie das Auswaschen des Werkstoffs aus breiten Zementierungsfugen und dadurch bedingte marginale Imperfektionen [3], gleichzeitig erleichtert es die Über­schuss­kontrolle [2].

Nach Aushärtungsmodus

Hier unterscheidet man lichthärtende, dunkelhärtende (nicht ganz korrekt auch chemisch härtend oder selbsthärtend genannt) und dualhärtende Systeme. Bei lichthärtenden Befestigungskompositen ist eine sichere Polymerisation nur bis zu einer Durchdringungstiefe von ca. 3 mm zuverlässig zu erwarten [4, 5]. Somit sind rein lichthärtende Materialien bei größer dimensionierten Restaurationen nicht zu empfehlen. Eine zugeführte Lichtenergie von 16 Joule (16.000 mWs/cm2) pro Fläche (z.B. 20 Sekunden Bestrahlung mit 800 mW/cm2), wie sie bei plastischen Komposit-Füllungen empfohlen wird, sollte bei Keramiken mittlerer Transluzenz (wie z.B. Empress) verdoppelt, bei weniger transluzenten, eher opaken Keramiken (wie Empress 2) sogar verdreifacht werden [1]. Bei transluzenter Keramik ist die Verwendung rein lichthärtender Befestigungswerkstoffe möglich, wenn die Schichtdicke der Keramik 2 mm nicht wesentlich überschreitet, wie es bei den meisten Veneers der Fall ist [6].

Dualhärtende Befestigungskomposite haben sich klinisch bewährt und gewährleisten auch bei kompakten keramischen Werkstücken eine ausreichende Polymerisation. Sie besitzen neben den Fotoinitiatoren auch chemisch initiiert (durch Beimischung eines Katalysators) aktivierbare Initiatoren, die auch ohne Lichtzufuhr die Aushärtung sicherstellen. Diese Initiatoren sind hitzeempfindlich, sodass diese Produkte kühl gelagert werden müssen. Außerdem werden die Katalysatoren durch Säuren inaktiviert. Daher muss beim Einsatz dualhärtender Befestigungs­komposite darauf geachtet werden, sie nicht in Kombination mit selbstätzenden Adhäsivsystemen oder Ein-Flaschen-Adhäsiven der Etch&Rinse-Systeme einzusetzen. Hier sollte deshalb auf bewährte und klinisch erprobte Adhäsivsysteme mit Mehrschrittapplikation zurück­gegriffen werden.

Ein weiterer Nachteil dualhärtender Befestigungskomposite ist das Risiko einer langfristigen Farbänderung durch die chemisch initiiert aktivierbaren Initiatoren. Das kann bei transparenten Einzelveneers zum Problem werden. Solche transparenten Veneers können allerdings ohne Probleme mit rein lichthärtenden Befestigungskompositen (z.B. auch Flowables) eingegliedert werden. Bedenken sollte man jedoch, dass nicht grundsätzlich alle Veneers mit rein lichthärtenden Kompositen befestigt werden dürfen. Bei besonders dicken und sehr opaken Veneers kann die Lichtleitung eingeschränkt sein! In solchen Fällen ist dann aber auch das Farbänderungsrisiko durch dualhärtende Befestigungskomposite zu vernachlässigen.

Eine besondere Gruppe sind so genannte autopolymerisierende Systeme wie Panavia (Kuraray), Multilink (Ivoclar Vivadent) oder C&B Metabond (Parkell). Bei diesen Produkten wird nach dem Anmischen die Polymerisation durch Sauerstoff stark inhibiert, was die Überschussentfernung erleichtert.

Selbstadhäsive Zemente



Seit einiger Zeit sind selbstadhäsive, so genannte Universal-Befestigungs­komposite auf dem Markt, welche selbsthärtend sind, aber alternativ auch durch Licht polymerisiert werden können. Dabei ist nach Angaben der Hersteller die Vorbehandlung von Schmelz und Dentin nicht mehr nötig, während die Haftflächen der indirekten Restauration wie üblich vorbehandelt werden sollten. Bifunktionelle Monomere ermöglichen die Befestigung indirekter Restaurationen ohne Konditionierung und Bonding. Das erste vermarktete Produkt dieser Gruppe war RelyX Unicem (3M ESPE), inzwischen bieten viele Firmen solche selbstadhäsiven Zemente an. Es handelt sich dabei um sehr komplex aufgebaute Materialkonstruktionen, bei denen saure Komponenten zunächst die Konditionierung von Schmelz und Dentin vorbereiten, während der Abbindereaktion dann aber mit den basischen Füllkörpern reagieren, um langzeitstabile Salze zu bilden. Dabei wird in der ersten Phase der Abbindung Wasser frei, das zunächst eine hydrophile Ausgangslage schafft. Dadurch wird die Feuchtigkeitsempfindlichkeit in der ersten Eingliederungsphase reduziert. Im weiteren Abbindeprozess wird dann das Wasser wieder verbraucht, sodass am Ende eine hydrophobe mundbeständige Klebefuge entsteht [2]. Die Haftung am Schmelz ist dabei deutlich geringer als die am Dentin. Für RelyX Unicem wurde gezeigt, dass ein Anätzen mit Phosphor­säure die Haftung im Schmelz zwar deutlich erhöht, im Dentin dafür allerdings massiv verschlechtert [7]. Die Haftung der selbstadhäsiven Zemente an vorbehandelter Glaskeramik und auch an Zirkonoxidkeramik ist vergleichbar mit der von herkömmlichen Befestigungskompositen.

Die Indikationsstellung zum Einsetzen von keramischen Inlays oder Teilkronen wird aber noch recht kritisch gesehen. Zum Einzementieren von Metallrestaurationen mit eingeschränkter Friktion zur Unterstützung durch eine adhäsive Befestigung aber können diese Produkte sinnvoll eingesetzt werden.

Anwendungshinweise

  • Beim adhäsiven Befestigen ist das Anlegen von Kofferdam unbedingt empfehlenswert. Zur Vermeidung postoperativer Hypersensibilitäten ist für eine vollständige Versiegelung des freiliegenden Dentins zu sorgen. Für die Befestigung sollte daher ein Adhäsivsystem mit einer nachgewiesen guten Dentinhaftung ausgewählt werden.
  •  Ein Einpressen des Befestigungskomposits in den Gingivasulkus ist zu vermeiden, Überschüsse sind sorgfältig zu entfernen.

Studien konnten zeigen, dass in Kombination mit der Ultraschall-Insertions-Technik verwendete hochvisköse Befestigungs- oder Füllungskomposite signifikant weniger Überschüsse aufweisen und eine bessere röntgenologische Kontrolle ermöglichten [2]. Gerade bei dünn­fließenden Befestigungskompositen ist das Erkennen und Entfernen der Überschüsse besonders zeitaufwendig. Es sollte sinnvoller­weise eine Lupenbrille unterstützend eingesetzt werden! Oft werden solche Überschüsse erst auf Röntgenbildern sichtbar. Daher ist eine hohe Röntgenopazität ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl des Befestigungskomposits.

Die folgende Marktübersicht ist aufgeteilt in Befestigungskomposite, die in Kombination mit einem vorher zu applizierenden Adhäsivsystem angewendet werden, und in selbstadhäsive Zemente. Somit gibt es ein genügend großes Angebot verschiedener Produkte, die für die jeweilige Indikationsstellung ausgesucht werden können. Je mehr Schmelzbeteiligung als Haftfläche und im Randbereich der Restauration besteht, desto sicherer sind Systeme in Kombination mit der Etch&Rinse-Technik. Bei allen Produkten aber steht die korrekte Verarbeitung im Mittelpunkt einer langfristigen Haltbarkeit der ästhetisch hochwertigen Versorgungen.

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Literaturverzeichnis

[1] Schmalz G, Geurtsen W, Haller B, Federlin M: Zahnfarbene Restaurationen aus Keramik: Inlays, Teilkronen und Veneers. Stellungnahme der DGZMK. Dtsch Zahnärztl Z 62, 9 (2007)

[2] Krämer N, Frankenberger R: Befestigungskomposite und -kompomere. In: Kappert HF, Eichner K (Hrsg.): Zahnärztliche Werkstoffe und ihre Verarbeitung Bd 2: Werkstoffe unter klinischen Aspekten. Thieme Verlag, Stuttgart 2008, 184–196

[3] Schmalz G, Federlin M, Reich E: Effect of dimension of luting space and luting composite on marginal adaptation of a class II ceramic inlay. J Prosthet Dent 73, 392 (1995)

[4] Blackman R, Barghi N, Duke E: Influence of ceramic thickness on the polymerization of light-cured resin cement. J Prosthet Dent 63, 295 (1990)

[5] Hickel R, Heid M, Kunzelmann K-H, Petschelt A: Durchhärttiefe von lichthärtenden Kompositen unter Keramik. Dtsch Zahnärztl Z 47, 182 (1992)

[6] Ilie N, Hickel R: Correlation between ceramics translucency and polymerization efficiency through ceramics. Dent Mater 24, 908 (2008)

[7] Hikita K, van Meerbeek B, Peumans M et al.: Bonding effectiveness of adhesive luting agents to enamel and dentin. Dent Mater 23, 71 (2007)

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